TtB – Traveling | the | Borderline

Wie wird man Mental Health Advocate?

Wie wird man Mental Health Advocate?

Die kleine Dommi im großen Fernsehen =)Lesezeit: 12 minuten

In den letzten Wochen und Monaten haben mich viele Anfragen erreicht, die sich im weitesten Sinne um die Frage „Wie wird man Mental Health Advocate“ drehen. Menschen, die auch etwas verändern wollen. Angehörige, Profis aber vor allem auch Betroffene, die rausgehen wollen aus der Tabuecke. Die auch mit und vor anderen über ihre Erfahrungen sprechen möchten. Damit sich etwas ändert. Zu gern würde ich mir für jeden einzelnen Zeit nehmen. Erzählen, Fragen und Herausfinden, wie ihr oder sein Weg aussehen könnte. Denn das schon gleich vorne weg: Den einen Weg gibt es wohl nicht. Deswegen kann ich auch nicht sagen, wie „man“ das wird. Aber ich kann euch erzählen, wie es bei mir war. Schritt für Schritt:

Dieser Artikel ist nun (m)ein Versuch, vielleicht ein paar von euch dabei zu helfen, selber die ersten Schritte zu gehen. Wenn wir uns schon nicht zusammen setzen können.

Step 1: Erkennen

Nun, am Anfang muss wohl die Erkenntnis stehen, dass irgendwas in unserem Land nicht so ganz richtig läuft. Jedenfalls wenn es um psychische Gesundheit geht. Das, gepaart mit dem Willen, etwas zu verändern, sind wohl die wichtigsten Voraussetzungen. Bei mir war es eine Gruppentherapie in Hamburg, bei der ich sozusagen den Entschluss gefällt habe, dass es so nicht weitergehen kann. Die Scham manch Anwesender, die Ängste, die Irrationalität im Umgang mit ihren Krankheiten, hat mich schockiert, wachgerüttelt – und motiviert.

Denn dort oben habe ich auch erkannt, dass nicht jeder sich neben den täglichen Herausforderungen, vor die einen das Leben eh schon stellt und die durch psychische Krankheiten nicht gerade verringert werden, auch noch Kraft hat, sich mal eben für einen anderen Umgang damit einzusetzen. Ich aber hatte Ressourcen. Denn sobald ich aufgehört hatte, mich zu verstecken, verstellen und anderen heile Welt vorzuspielen, waren da auf einmal richtig viele Kräfte. Viel Power, die ich vorher verschwendet habe und die ich nun einsetzen konnte und wollte.

Trotzdem stand natürlich an erster Stelle, dass ich mich erstmal selber auf die Reihe bekommen muss, bevor ich die Welt rette. Darauf habe ich mich dann die nächsten Wochen auch erstmal schön brav konzentriert. Der Wunsch aber, was am absurden Umgang mit Mental Health zu verändern, blieb.

Step 2: Sortieren

Mein erster Schritt bestand dann in diesem Blog, auf dem ihr gerade unterwegs seid. Da Schreiben mir schon immer lag und so ein Blog heutzutage ja doch recht schnell aufgesetzt ist, waren die Hürden entsprechend klein. So ging knapp ein Jahr nach meiner Entlassung aus der Klinik Traveling | the | Borderline online.

Ich habe also nicht sofort angefangen, vor anderen über meine Erfahrungen, meine Probleme, meine Diagnosen und meine Geschichte zu reden, sondern habe erstmal mit mir und der Tastatur geredet. Ausführlich. Und das war – aus heutiger Sicht – auch enorm wichtig.

Das Schreiben hat mir erlaubt, die Dinge einmal selber gründlich zu durchdenken. Ich kann keinen Blogartikel über ein Borderline-Symptom schreiben und darüber, wie es für mich ist, ohne mich nicht richtig damit zu beschäftigen. So habe ich beim Schreiben viele Dinge für mich sortiert, und einiges auch erst im Prozess verstanden. Ich habe Zusammenhänge entdeckt, Worte gefunden die mir selber dabei geholfen haben zu merken, was meine Krankheiten eigentlich mit mir machen.

Ich rate heute jedem, diesen Prozess des Sortierens auf irgendeine Art und Weise zu durchlaufen, bevor man anfängt, weiter nach außen zu gehen. Man muss nicht schreiben, das ist klar. Malen, Singen, Musik generell, Tanz, Fotografie, Gedichte, Gespräche, Kunst – all das kann dabei helfen, diese formlosen Dinge in uns greifbarer zu machen. Und damit einfacher zu teilen.

Step 3: Ab in die Schule

Dass es Schulprojekte gibt, bei denen Betroffene in Klassen gehen, wusste ich noch aus meiner Bachelorarbeit. In der es darum ging, wie man Stigmatisierung psychisch kranker Menschen bei Jugendlichen verhindern kann. Die Projekte, auf die ich stieß fand ich toll und wusste aus der Recherche auch, dass sie statistisch signifikante Effekte erzeugen. Sie funktionieren also. Trotzdem dauerte es noch ein paar Monate bis ich zum ersten Mal Kontakt mit Irrsinnig Menschlich aufnahm.

Danach dauerte es aber nicht lange und ich ging selber regelmäßig in Schulen. Bald wollte ich mehr und meldete mich noch bei einem zweiten Schulprojekt namens BASTA an. Die Konzepte unterscheiden sich im Detail, im Mittelpunkt steht aber immer die Begegnung mit einem Menschen, der selber Erfahrungen mit psychischen Krankheiten gemacht hat. Mittlerweile bin ich nun seit circa drei Jahren dabei, gehe durchschnittlich zwei Mal im Monat in eine Klasse – und liebe es.

Ja, manche Klassen sind anstrengend. Jede Klasse ist anders. Man weiß nie so richtig, was einen erwartet. Manchmal sitzen quasi Psychologie-Profis vor uns. Manchmal müssen wir erst erklären, wie man Depression schreibt. Und ja, 90 Minuten Seelenstriptease vor 20 Schülern ist nicht ohne. Manchmal reden wir nur über Borderline, andere Male gehen wir meine komplette Biografie durch, und wieder andere Male liegt der Schwerpunkt bei Suizid, Depression, Selbstverletzung, Therapie oder Medikamenten.

Mir ist immer wichtig, dass die Schüler merken, dass sie mich wirklich alles fragen können. Und das tun sie auch. Manchmal wünschte ich, ich hätte alle Fragen mitgeschrieben, die mir je gestellt wurden. Und so komisch oder seltsam manche Frage zuerst vielleicht anmutet, wie tief manche auch gehen, mir ist lieber sie stellen sie mir als dass sie sich bei Google auf die Suche nach Halbwahrheiten verirren. Und ja, mir ist auch wichtig, dass zwischendurch mal gelacht werden darf.

Bei beiden Projekten gibt es eine kleine finanzielle Aufwandsentschädigung. Die für mich aber eher ein netter Nebeneffekt ist, da ich diese Arbeit ja nicht für das Geld mache. Aber die Dankbarkeit, der Respekt, die Offenheit sind es, die es jedes Mal wieder Wert sind, meine Geschichte zu erzählen.

(Über den genauen Ablauf der Schulprojekte gibt’s bald einen eigenen Post)

Step 4: Vernetzung

Den nächsten Schritt fasse ich unter „Vernetzung“ zusammen. Denn über BASTA bin ich beim Münchner Aktionsbündnis für Seelische Gesundheit ZehnZehn gelandet. Quasi zeitgleich wurde ich Mitglied bei Mental Health Europe, bei der Deutschen Depressionsliga, dem Münchner Bündnis gegen Depression und habe beim Borderline-Trialog München angefangen.

Ich habe mich online umgeschaut, was es für tolle Initiativen, Bündnisse, Verbände und Vereine gibt – und habe richtig viel gefunden. Man muss nicht alles neu erfinden sondern kann erstmal schauen, was vielleicht schon existiert. Ich bin mit offenen Augen durch die Welt gelaufen, hinzu kamen immer wieder Tipps und Hinweise über meine Mutter und andere aufmerksame Menschen die gemerkt haben, wie sehr das Thema mich packt.

Mittlerweile hat mein Netz sich verdichtet. Es gibt viele tolle Menschen mit ähnlichen Zielen, Vorstellungen und Motivationen, mit denen ich auf die ein oder andere Art und Weise zusammenarbeite. Dabei ist diese Zusammenarbeit ein Geben und Nehmen. Für kaum etwas dieser Arbeit bekomme ich Geld, aber ich bekomme etwas noch viel wertvolleres: Kontakte, Mitstreiter, Unterstützer, Partner, Gleichgesinnte, Möglichkeiten, Aufträge, Sichtbarkeit.

So wirke ich mittlerweile an diversen Veranstaltungen mit, bin Senior Policy Advisor von MHE geworden, werde für Vorträge angefragt, helfe bei Social Media Auftritten, schreibe Gastbeiträge, empfehle weiter oder kann im Zweifelsfalls den entscheidenen Kontakt herstellen. Vor wenigen Jahren noch habe ich mich selber für eine richtig schlechte Netzwerkerin gehalten. Heute weiß ich: Das stimmt nicht. Aber ich musste erst die Sache finden, für die es sich lohnt.

Step 5: Namen finden

Das war tatsächlich lange Zeit ein ganz schönes Problemchen: Wie nenne ich das, was ich tue? Wenn andere mich fragten, wollte ich mehr sagen als „Ich bin Betroffene“. Das war einfach nicht genug.

Als eh schon Englisch-affiner Mensch hatte ich im Netz immer wieder diesen Begriff gelesen – „Mental Health Advocate“. In England, Amerika, Australien und Neuseeland ist Advocate ein feststehender Begriff. Nicht nur in Verbindung mit Mental Health, auch für Umwelt oder andere Themen. Man setzt sich für eine Sache ein, möchte etwas verändern. Eine wirklich gute, deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens nach nicht. Advocate heißt wörtlich übersetzt „Anwalt“ – aber ich hab ja kein Jura Studium. Auch Botschafter, Befürworter, Verfechter spuckt die Übersetzungsseite leo.org aus. Klingt alles nicht so wirklich sexy. Zwischendrin gab es auch mal die Variante Mental Health Aktivistin, aber das war mir irgendwie zu hart.

Ich habe also lange gesucht und bin dann einfach bei diesem Titel geblieben. Als ich angefangen habe, ihn zu benutzen, bekam ich noch viele fragende Blicke. Aber je öfter ich ihn verwende, desto mehr scheinen sich die Leute daran zu gewöhnen. Und vielen, vor allem jüngeren Menschen, muss ich auch gar nicht viel dazu erklären.

Seit dem Buch darf ich mich ja darüber hinaus auch „offiziell“ Autorin nennen. Daher stelle ich mich heute meistens als „Bloggerin, Autorin und Mental Health Advocate“ vor. Mit dieser Kombination kann jeder was anfangen. Und die Frage „Was macht ein Mental Health Advocate denn?“ hat schon so manch schönes Gespräch entstehen lassen.

Auch wenn ich nicht die einzige bin, die sich in Deutschland für das Thema Mental Health einsetzt, so ist die hauptberufliche Auseinandersetzung ohne Therapeuten-Ausbildung oder Prof. Dr. Dr.-Titel doch noch eine Seltenheit. Und so musste ich mir das Berufsbild quasi selber schaffen. Und durfte ihm selber einen Namen geben. Auch ziemlich geiler Scheiß, wenn man sich das mal so überlegt …

Step 6: Dranbleiben

Dieser Tage sieht es für manchen so aus, als wäre ich quasi aus dem Nichts aufgetaucht, hätte von jetzt auf gleich die Sichtbarkeit, die ich nun habe. Aber das ist falsch. Als ich mit dem Blog gestartet bin und viel zum Thema gelesen habe stieß ich immer wieder auf die eine Aussage: Durchschnittlich dauert es drei Jahre, bis ein Blog „erfolgreich“ ist.

Was in meinem Fall nun „erfolgreich“ heißt, ist gar nicht so leicht zu sagen. Aber das mit den drei Jahren stimmt ziemlich genau. Denn seit dem letzten, dem dritten Jahr, kommen die Dinge richtig ins Rollen. Davor habe ich viel, viel Zeit und Arbeit investiert, ohne zu wissen, ob es sich eines Tages lohnen würde. Einfach, weil ich nicht anders konnte. Weil ich so überzeugt von meiner Aufgabe war – und bin.

Ich habe Fehler gemacht und irgendwann vor allem gelernt, dass ich vertrauen kann – und muss. Dass die Dinge sich schon so entwickeln, wie sie sich entwickeln wollen; dass wenn ich zu sehr anfange strategisch zu denken oder zu planen, es nicht funktioniert; dass das wichtigste ist, authentisch und bei mir zu bleiben; dass ich lieber jeden Tag einen Follower dazu gewinne als von heute auf morgen Hunderttausend Abonnenten zu haben; dass ich mir und meinen Werten treu bleiben darf und mich nicht verbiegen muss.

Vieles – oder das meiste – von dem, was in den letzten Monaten und Jahren passiert ist, hätte ich so niemals planen können. Weder dass ich nichtsahnend eine Podiumsdiskussion an der TU München besuche und dort Marcel kennen lernen würde, mit dem wir wenige Monate später #TUM4MIND rocken. Noch dass ich irgendwann bei ZDF Volle Kanne sitzen würde. Sobald ich angefangen hatte und der Stein einmal ins Rollen gekommen war, gab und gibt es kein Halten mehr.

Step 7: Das liebe Geld

Natürlich interessiert es viele Menschen besonders, ob ich denn heute wirklich davon leben kann, über Mental Health zu sprechen. Und im weitesten Sinne kann ich das. Im weitesten Sinne deswegen, weil ich immer wieder auch Aufträge annehme, die nur indirekt was damit zu tun haben.

Ich bin ja in die Selbstständigkeit gestartet ohne den Plan, Mental Health Advocate zu werden. Ich habe hauptsächlich geschrieben, übersetzt, Websites erstellt und Social Media-Beratung gemacht. Und bis heute machen diese Jobs einen gewissen Anteil meiner Arbeit aus. Entweder, weil es längerfristige Aufträge waren. Oder weil ich Lust drauf habe. Denn den Luxus habe ich inzwischen: Wenn ein neuer Job so gar nichts mit meiner Mission, meiner Haupttätigkeit zu tun hat, dann nehme ich ihn auch nicht an. Wenn aber Partner oder Träger aus „meinem“ Bereich Unterstützung brauchen, so mache ich das doppelt gerne. Zum Beispiel habe ich in den letzten Wochen dem Paritätischen Landesverband Bayern dabei geholfen, für die landesweite Aktionswoche Selbsthilfe den „wir-hilft-Blog

Oben schreibe ich, dass ich vieles von dem, was ich tue, ohne eine finanzielle Gegenleistung mache. Oder nur gegen eine sehr geringe. Aber es ist nicht mehr alles. Mindestens die Hälfte, wenn nicht sogar noch mehr meiner Zeit, meiner Arbeit mache ich sozusagen ehrenamtlich. Aus reiner Überzeugung. Bis im letzten Jahr hat mich ein Gastro-Job dabei unterstützt. Ende letzten Jahres, als auch das Buch in Sichtweite war und langsam mehr Aufträge und Anfragen reinkamen, habe ich dann den Sprung gewagt in die volle Selbstständigkeit. Ich habe mir Zeit gelassen und herausgefunden, ob das alles etwas ist, was ich mir dauerhaft als meine berufliche Tätigkeit vorstellen kann. Und ich kann.

Vor allem musste – oder muss ich immer noch – lernen, zu verhandeln. Leider gab es in dieser Beziehung auch ein paar unschöne Erlebnisse. Wenn ich zum Beispiel für einen Vortrag angefragt werde und es selbstverständlich ist, dass der andere Referent mit Prof. Dr.-Titel ein saftiges Honorar bekommt – ich aber doch bitte froh sein soll, wenn die Fahrtkosten übernommen werden. Nach und nach bin ich frecher geworden und habe manche Dinge auch schon abgesagt. Weil auch das für mich Stigmatisierung ist. Und auch, wenn ich nicht reich werden will mit dieser Arbeit, so muss ich doch von irgendetwas meine Miete zahlen. Und weiß inzwischen eben auch, dass es oft genug vorkommt, dass das Publikum aus meinem lebendigen, frischen Vortrag am Ende mehr mit nimmt als bei der fachlich sachlichen Präsentation des Herrn Doktor.

Um meine Arbeit zu entspannen bzw. mich noch mehr auf den Mental Health Bereich zu konzentrieren überlege ich inzwischen auch, ob ich mal bei Stiftungen & Co auf die Suche nach einer Art Sponsoring gehe. Denn es gibt viele Menschen in diesem Land, die ein (finanzielles) Interesse daran haben, dass sich etwas ändert. Und ich weiß, dass in anderen Themenbereichen solche Förderungen existieren. Und auf Dauer bzw. ab Herbst soll natürlich auch BERG & MENTAL seinen Teil dazu beitragen.

Step 8: Medien

Schreiben und sprechen liegt mir. Auch das sprechen vor vielen Leuten, auf großen Bühnen oder vor einer Kamera macht mir nichts aus. Das geht aber nicht jedem so. Und deswegen muss auch nicht jeder zwangsläufig den Weg in die Medien finden. Da es aber doch früher oder später dazu kommen kann, hier ein paar Erfahrungswerte, die ich schon machen durfte, musste:

Auch Journalisten können sich mit Mental Health auskennen. Auch Journalisten können keine Ahnung davon haben. Besonders bei letzterer Sorte ist wichtig zu sagen, dass hinter etwaigen unglücklichen Aussagen oder Benutzung von Klischeebildern im Zweifelsfall keine böse Absicht steckt. Sondern schlicht Unwissenheit. Und genau so oft Unsicherheit. Genau deswegen ist es ja so wichtig, dass sie sich mal anhören, wie das wirklich ist.

Und ja, im Journalismus gilt leider der Satz „If it bleeds, it leads“ – also quasi je dramatischer die Nachricht, desto „besser“. Im gewissen Rahmen ist das ok, wenn es aber nur darum geht wie tief ich mich mal verletzt habe oder wie viel ich getrunken habe und wie schlimm überhaupt alles war, dann darf ich etwas sagen. Klar und deutlich. Oder das Gespräch charmant in eine andere Richtung lenken.

Ebenso kann es eine gute Idee sein, den Medienmachern bei der Bildauswahl zu helfen. Damit eben nicht immer die gleichen schwarz-weißen Klischeebilder in den Beiträgen landen. Man darf sagen, was gar nicht geht und auch, was bitte gehen muss, was einem wichtig ist. Man darf darauf bestehen, vor Veröffentlichung einmal drüberzuschauen oder zu lesen. Und man darf auch Nein sagen, wenn man kein gutes Gefühl hat.

Auch hier habe ich natürlich vor allem zu Beginn einige Fehler gemacht, musste auch erst lernen. Habe mich mal hingesetzt und mir überlegt, was bei den Zuschauern oder Lesern hängen bleiben soll, wenn sie etwas über mich sehen oder lesen. Habe mir Kernaussagen und Botschaften herausgesucht, die ich versuche immer unter zu bringen. Und habe immer besser gelernt, schon im Vorfeld einiges zu klären, damit es nicht zu bösen Überraschungen kommt – was ja leider auch schon der Fall war.

Step 9: Freuen und Stolz sein

Und das ist wohl der Punkt, an dem ich selber noch am meisten scheitere. Inne halten, auf die Schulter klopfen, sacken lassen, freuen. Bei so einem Berg an Arbeit, der da noch vor uns liegt, bei den vielen Missständen die ich jeden Tag wieder sehe, hört die Arbeit einfach nicht auf. Um so wichtiger ist es, immer wieder inne zu halten. Mal zurück zu schauen. Auf den Weg, den ich schon geschafft habe. Auf die vielen Menschen, die ich schon erreicht habe. Die vielen Meilensteine, über die ich schon gesprungen bin.

Wenig von all dem fühlt sich für mich groß an. Auch, dass mir regelmäßig Menschen „Mut“ bezeugen oder „Respekt“ vor mir und meiner Arbeit haben, kommt mir komisch vor. Aber natürlich haben sie in gewisser Weise recht. Noch ist es mutig bis außergewöhnlich sich so voll und ganz zu diesem Thema zu bekennen. Aber genau das muss sich ja ändern. Ich wünsche mir, dass es irgendwann nicht mehr „mutig“ ist, offen über seine psychischen Erkrankungen zu reden.

Aber ich schweife ab. Vor lauter neuen Aufgaben, Entwicklungen und auch Möglichkeiten vergisst man nur allzu leicht das Auge für die eigenen Leistungen. Und so ist es wohl gut, wenn mich immer wieder Freunde oder auch wildfremde Menschen daran erinnern, dass es für mich vielleicht normal sein mag, was ich tue. Aber für andere ist es mehr.

Vor kurzem kam mir beim Laufen der Gedanke, als der Kopf mal wieder in komische Richtungen lief, dass ich vielleicht jemand anderes Chester bin. Chester Bennington, der Sänger von Linkin Park, hat mir mit seinen Texten, seiner Musik Mut gemacht. Er hat mich teilweise durch meine Depression und von Suizidgedanken weg getragen bzw. gesungen. Weil ich, auch ohne ihn jemals getroffen zu haben, wusste, dass ich nicht alleine bin. Er hat nie erfahren, welch großen Einfluss er auf mein Leben hatte. Und wer weiß, vielleicht gibt es da draußen jemanden, in dem meine Worte, mein Buch, meine Arbeit etwas ähnliches auslösen. Darauf wäre ich stolz.

Step 0: Selbstfürsorge

Nein, kein Tippfehler – nach Step 9 kommt die Grundlage all dieser Schritte: Selbstfürsorge.

Man macht sich verletzbar und angreifbar, wenn man sich vor andere Menschen hinstellt und so persönliche Dinge preisgibt. Deswegen ist für mich wohl eine der wichtigsten Sachen: Du selber musst Dir darüber klar sein, dass Du nicht schwach bist, es nicht deine Schuld ist sondern dass du krank bist. Das muss sitzen und bis in dein inneres vorgedrungen sein.

Mental Health Advocate bedeutet nicht, perfekt oder geheilt sein zu müssen. Für mich bedeutet es, auch offen über die unschönen Momente, Stunden, Tage, Gedanken, Gefühle zu sprechen. Nichts zu beschönigen, nichts wegzulassen. Keine Angst davor zu haben, auch mal zu sagen, dass es der Depression heute besser geht als mir. Denn genau das ist im Zweifelsfall das, was anderen Mut macht. Schwäche zu zeigen bedeutet in diesem Fall wahre Stärke.

Leider gibt es Beispiele von Mental Health Advocates, die an dem Druck gebrochen sind. Die vor ihrer Community nicht zugeben konnten, wollten, dass es ihnen doch wieder schlecht geht. Das sie einen Rückfall hatten oder vielleicht doch nicht alles so rosig ist, wie es sich auf Instagram so leicht darstellen lässt. Aus Angst, ihren Followern ein falsches Vorbild zu sein? Weil es vielleicht extra viel Kraft kostet zu sagen „Mir geht es nicht gut“ wenn man lange und professionell kommuniziert hat, dass man die Krankheit besiegt hat? Nur Vermutungen.

Ich für meinen Teil musste auch erst lernen, wie ich bei diesem ganzen Thema gut auf mich aufpasse. Musste lernen, mit nach Schulprojekten nicht noch anstrengende Termine zu setzen. Dass ich nach Lesungen nochmal mindestens genau so viel Kraft brauche für die Gespräche. Ich musste lernen zu kommunizieren „Schluss jetzt, mein Akku ist alle“ auch wenn es Menschen gibt, die gerne noch mit mir gesprochen hätten. Aber ich kann nicht von Selbstfürsorge sprechen, wenn ich mich selber nicht dran halte.

Meine Mental Health Advocate-Tipps:

  • zwinge dich nicht sondern geh dein Tempo
  • nicht jeder muss auf Bühnen stehen und Bücher schreiben – auch der offene Umgang mit den eigenen Angehörigen kann für viele schon ein enormer Schritt sein
  • such dir Gleichgesinnte – online oder offline
  • schau was in deinem Heimatort schon für Angebote vorhanden sind
  • überlege Dir, was Dir geholfen hätte – mir sind die Schulprojekte auch deswegen so wichtig weil ich glaube, für mich hätte es viel geändert wenn mit mir jemand in der Schule über diese Themen gesprochen hätte
  • Auf die eigenen Stärken setzen! Hätte ich über Mental Health malen oder singen müssen, wäre es wohl alles deutlich anders gekommen

Ich hoffe, euch mit dem Beitrag ein paar Anhaltspunkte gegeben haben zu können, die euch auf eurem Weg helfen. Ob wir am Ende nebeneinander auf der Bühne stehen und für einen anderen Umgang mit psychischer Gesundheit eintreten, ob ihr in eurem Umfeld verändert, wie darüber gesprochen wird. Ob ihr euch einem Projekt anschließt oder was neues auf dem Boden stampft – jeder, der sich dafür einsetzt, dass wir offener, früher, normaler, mehr, besser über Mental Health reden, wird von mir gefeiert. Und darf sich die 28 Millionen Menschen vorstellen, für die wir stehen (jeder Dritte Deutsche einmal im Leben betroffen, dann kommt man auf diese Zahl) – das hilft mir enorm, wenn ich mal wieder ein bisschen Motivation brauche.

Noch sind wir Pioniere, Vorreiter, müssen Wege suchen und schaffen. Aber je mehr von uns zeigen, dass Mental Health ihnen wichtig ist, desto mehr können wir erreichen.

#mentalhealthrocks #mentalhealthadvocate #redenhilft #zuhörenauch