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Von der Diagnose nach Hamburg

Von der Diagnose nach Hamburg

Segel setzten | in Richtung Recovery. Mit voller Fahrt ins Abenteuer "Borderline"Lesezeit: 6 minuten

Wie ich zu meiner Diagnose gekommen bin, wisst ihr seit diesem Artikel. Wie es dann aber weiter ging, hab ich euch bisher noch nicht erzählt. Was macht es mit einem, wenn man so einen Diagnose-Brocken vor die Füße geworfen bekommt bekommt?

Segel setzten | in Richtung Recovery. Mit voller Fahrt ins Abenteuer "Borderline"

Segel setzten | in Richtung Recovery. Mit voller Fahrt ins Abenteuer „Borderline“

Endlich ist es an der Zeit, meine Geschichte weiter zu schreiben. Prinzipiell ist dieser ganze Blog ja ein einziges großes „Nach der Borderline-Diagnose“. Hier und heute wird es aber darum gehen, wie ich vom ersten „Borderline“ auf die Station 2E der Schön Klinik in Hamburg gekommen bin.

Es ist eine BPS!

Herbst 2013 – die Diagnose ist da. Es ist eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ. Herzlichen Glückwunsch! Wie ich schon in Mein Weg zur Borderline-Diagnose geschrieben habe, kam nach dem ersten Schock die große Erleichterung. Aber warum Erleichterung?

Ihr könnt euch das Gefühl nicht vorstellen, als ich wenige Tage nach der Diagnose das erste Mal in einem Buch über Borderline las. Einerseits zu erfahren, dass es andere Leute gibt, die genau die gleichen Macken haben wie ich. Die die gleichen Kämpfe mit ihrem Kopf führen. Die Erfahrungsberichte anderer Betroffener fühlten sich teilweise so an wie direkt aus meinem Leben raus kopiert.

Und das zweite tolle war, zu lesen, dass es Menschen gibt, die für die vielfältigen Probleme und die bunte Symptomatik der Borderline-Persönlichkeitsstörung Lösungsansätze haben. Dass es Therapien gibt. Dass es besser werden kann. Wenn ich heute daran zurückdenke habe ich noch genau das gleiche Gefühl im Bauch, wie damals. Ein „Du-bist-nicht-allein-und-es-gibt-Hilfe“-Gefühl.

Natürlich bleibt man auch nach einer Diagnose der gleiche Mensch. Aber ich muss schon sagen, dass ich mich danach mit anderen Augen gesehen habe. Die Diagnose-Brille lässt einen genauer hinschauen.

Es ist ein bisschen wie mit einer Maschine, die nicht rund läuft. Und wenn man kein Experte für diese Maschine ist, dann tut man eben sein bestes, um das Ding irgendwie am Laufen zu halten. Klebt hier ein bisschen Tape drauf, schmiert da ein bisschen Fett hin. Und die Maschine läuft weiter. Jeder Profi würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber man weiß es eben nicht besser und bemüht sich sehr.

Und dann kommt jemand und sagt „Die Maschine kenn ich – hier ist die Bedienungsanleitung.“ Kein blindes Rumprobieren mehr, sondern an den richtigen Stellen mit dem richtigen Werkzeug ansetzen. Natürlich heißt das nicht, dass die Maschine nun von heute auf morgen reibungslos funktioniert und alles rund läuft. Die Macken und Schwachstellen hatten schließlich lange genug Zeit, um im Material ihre Spuren zu hinterlassen. Aber trotzdem – es ist ein Anfang.

Einmal Bruch, bitte!

Aber eben erst der Anfang. Denn da saß ich nun also in München mit meiner neuen Bekannten, der Borderline-Diagnose, hab Bücher gelesen, das Web durchsucht, bin zu meiner Therapeutin. Und hab mich gefragt „Na, und jetzt?“.

Ich hab dann recht bald gemerkt, dass das so nichts wird. Alles läuft weiter wie bisher, mit dem einen Unterschied, dass ich einmal die Woche zur Therapie laufe. Es muss sich was ändern. Nicht schleichend und langsam, sondern mit einem Knall.

Die Diagnose aka Bedienungsanleitung alleine reicht noch nicht. Sie will durchgearbeitet, verstanden und angewendet werden. Und für mich hieß das ohne langes Überlegen – aus allem raus. Von allem weg. Einmal reset, sozusagen. Und an diesem Punkt tauchte dann – vielleicht zwangsläufig – irgendwann das Wort „stationär“ auf.

Man könnte denken, der Gedanke, sich über mehrere Wochen selber in eine Klinik zu stecken, muss einem Angst machen. Bei mir war es genau das Gegenteil. Eine Mischung aus Vorfreude, Aufregung, Nervosität – und ja, natürlich – ein bisschen Bammel war schon auch dabei.

Der größte Schritt für mich war wohl, das erste Mal in meinem Leben keine Rücksicht auf andere zu nehmen. Jetzt sollte es mal nur um mich gehen. Bisher stand immer jemand anders auf Platz 1 meiner Wichtigkeits-Liste. Mich selber ohne Kompromisse in meinen eigenen Mittelpunkt zu stellen – das stand jetzt mal an.

Freunde & Familie

Ich hatte weder das Bedürfnis noch sah ich einen Grund, meine Entscheidung an die große Glocke zu hängen. Dazu war die Diagnose und meine Entscheidung wohl auch noch zu frisch. Ein paar wenige enge Freunde hab ich eingeweiht. Und da gingen die Reaktionen von bewundernd über Respekt bis zu erschrocken, würde ich mal zusammen fassen.

Die Freunde, denen ich was gesagt hab, wussten zu dem Zeitpunkt aber immerhin alle wenigstens ein bisschen Bescheid, was mit mir los ist. Keiner alles und wahrscheinlich auch niemand, wie schlecht es mir wirklich ging. Aber meinen Arm zum Beispiel hab ich vor ausgewählten Kreisen irgendwann aufgehört zu verstecken.

Ganz im Gegensatz zu meiner Familie. Die hab ich wohl am meisten mit der Sache überrascht. Bisher hatte ich meine kleinen und großen Problemchen ziemlich komplett für mich behalten. Sozusagen im Stillen gekämpft. Ob sie oder irgendjemand anders irgendwann mal was geahnt hat, kann ich heute nicht sagen. Jedenfalls hat mich nie jemand angesprochen.

Wie ich hier und da schon angedeutet habe, war für mich lange Zeit das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte, dass meine Familie irgendwas davon mitbekommt, wie sehr ich immer wieder am kämpfen bin. Dass ich mich selbst verletzte. Und auch sonst ziemlich selbstschädigend unterwegs war.

Und deswegen war dieser Teil für mich wohl auch der schwierigste. Den ich auch nicht persönlich übers Herz gebracht habe, sondern nur per E-Mail. Und erst, als ich schon in Hamburg war. Leicht war es natürlich trotzdem nicht – aber im Nachhinein nicht annähernd so „schlimm“ wie ich es mir die Wochen, Monate, Jahre zuvor vorgestellt hatte. Gegen Ende der Therapie hab ich dann auch familiären Besuch in Hamburg bekommen bzw. zugelassen. Alles andere muss bis zu einem anderen Post warten.

Jeder, der sich nicht durch gute Freundschaft, Familienzugehörigkeit oder andere Umstände für die Wahrheit qualifizierte – und den interessierte, wo ich denn die ganze Zeit steckte – hat eine sehr vage „Praktikum-in-Hamburg“-Variante aufgetischt bekommen. Das war’s.

Das Organisatorische

Und dann gab es ja auch noch so Thema Uni bzw. Arbeit. Man muss vielleicht von Glück sprechen, dass ich zum Zeitpunkt des Beginns meiner stationären Therapie bereits in meinem letzten Bachelor-Semester war. Alle Seminare, Vorlesungen und Prüfungen hatte ich schon hinter mir – übrig war nur noch die Bachelor-Arbeit.

Hier war also ein weiteres Hosen-runter angesagt. Vor meiner Dozentin und meinem Betreuer. Hab gar nicht versucht, lange drum herum zu reden sondern ihnen gesagt, ich müsse Anfang Mai eine stationäre Therapie machen. Warum genau, das hab ich nicht gesagt. Nicht, weil es mir unangenehm oder peinlich gewesen wäre, sondern einfach, weil ich finde, dass sie das nichts angeht.

Durch meine Abwesenheit würde ich Seminare verpassen, die im Rahmen der Bachelor-Arbeit eigentlich Pflicht sind. Darin geht es aber „nur“ darum, die Kommilitonen und die Dozenten auf den neuesten Stand zu bringen, wie weit man mit den Vorbereitungen der Bachelor-Arbeit schon ist. Sobald diese Veranstaltungen durch sind, geht die „offizielle“ Bearbeitungszeit los. Und auch während dieser würde ich eben in Hamburg sein.

Begeistert waren meine zwei zuständigen Dozenten nicht. Aber ich habe die ganze Sache nicht als Frage oder Option dargestellt, sondern klar gesagt, dass das so sein muss. Lediglich die mündliche Prüfung konnte ich nicht im gleichen Zeitraum wie meine Kurs-Kolleginnen absolvieren, das hab ich dann erst nachholen können als ich aus Hamburg zurück war.

Da saß ich dann also in Hamburg, und hab auf Station zwischen meinen Therapien, Sitzungen und Terminen an meiner Bachelor-Arbeit gesessen. Und dann irgendwann eine Druckerei in Hamburg gesucht, das gute Stück drucken und nach München schicken lassen. (Wen’s interessiert: Bachelorarbeit 2,3, Disputation 1,7 – find ich für die Umstände ganz passabel)

Und dann gibt es da natürlich noch die Themen Arbeit und Geld. Bei dem Café, bei dem ich damals gearbeitet hab, habe ich gesagt, ich bräuchte jetzt all meine Zeit für meine Bachelorarbeit. Ich hatte zwar keine großen Ersparnisse im Vorfeld der Therapie ansammeln können, dafür ging das dann alles doch zu schnell, aber durch die „Rundumversorgung“ in der Klinik und etwas Unterstützung von Arvid habe ich dann auch das hinbekommen.

Der Weg nach Hamburg

So, Uni geregelt, Arbeit klar, Umfeld mehr oder weniger informiert – aber wie bin ich denn jetzt nach Hamburg gekommen? Ist ja nun nicht die nächste Klinik.

Stationär sollte es also sein. Von Anfang an war klar „Nicht in München“. Ich wollte wirklich einen Cut, einen Bruch, eine klare Kante zu meinem bisherigen Alltag. Und dann begibt man sich auf die Suche durch das große, weite Internetz. Und findet da auch was. Aber nicht wirklich viel, um ehrlich zu sein.

Neben „Nicht-München“ war für mich klar, dass ich wohin möchte, wo nicht nur das Thema Borderline, sondern auch das Thema Alkohol professionell angepackt wird. Denn dass der bei meiner ganzen psychischen Problematik kräftig seine Finger im Spiel hat, konnte auch ich quasi nicht mehr übersehen. Anspannungs-Regulations-Mittel erster Klasse und Güte.

Wenn man nach dieser Kombination sucht, dann findet man (oder zumindest war es damals, als ich gesucht habe) genau drei Kliniken. Hamburg, Erlangen und irgendwo in der Mitte Deutschlands. Nach Erlangen bin ich sogar gefahren und hab mir die Station angeschaut – war aber irgendwie gruselig. Und da ich eh noch nie in Hamburg war, den Norden aber prinzipiell mag und die Klinik auch noch einen „netten“ Eindruck machte – hab ich mich dort beworben.

Telefonate, ein sehr langes und detailliertes Bewerbungsschreiben meinerseits – und dann kam der Zuschlag. Früher als erwartet bekam ich nach nur wenigen Wochen – statt wie angekündigt mehreren Monaten – den Bescheid, dass ich am 03. Mai 2014 meine stationäre DBT-S-Therapie auf der Station 2E der Schön Klinik in Hamburg-Eilbek beginnen könnte. Ich wusste ja noch nicht, was mich erwarten würde.