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Nur Mut! Borderline, JA Danke!

Nur Mut! Borderline, JA Danke!

Lesezeit: 5 minuten

Ein Gastbeitrag, der in Zusammenhang mit einem Abend beim Borderline-Trialog München entstanden ist. Eine Teilnehmerin war so überwältigt, fasziniert und auch berührt von all dem gesagten und gehörten, dass sie einige ihrer Eindrücke schriftlich festhalten wollte. Heraus gekommen ist ein warmer, offener, ermutigender Artikel – für Betroffene, für Angehörige, für Profis und für Leser darüber hinaus.

Ein Beitrag, der Mut macht, der Hoffnung gibt, der zeigt, dass es vielleicht nicht von heute auf morgen besser wird. Aber, dass es anders, besser werden kann.

– Ein Manifest der Hoffnung –

von Silke Weigang

Hinreichend bekannt sind beim Leben mit Borderline die schmerzhaften und schwierigen Seiten für alle Beteiligten.

Was aber, wenn diese Persönlichkeitsstruktur jede Menge Stärken und besondere Fähigkeiten mit sich bringt?!

Die schlechte Nachricht: Sie fallen wohl nicht von selbst über Nacht vom Himmel…

Die gute Nachricht: wer sich auf den Weg macht, wird reichlich belohnt!

Beteiligte sitzen zusammen und tauschen sich wohlwollend und wertschätzend aus: „Was verdanken sie Borderline?“ Betroffene, Angehörige, Professionelle…

Viele Wege zum „Danke“

Ich bin sehr berührt von der großen Lebendigkeit und sprudelnden Freude, die den Raum nach und nach erfüllen. Dankbarkeit macht sich breit. Da erzählen Menschen mit dieser Diagnose, wie sie sich auf den Weg gemacht haben. Auf ihren eigenen Weg. Durch Aufs und Abs, viele Tiefs und immer wieder Hochs. Wie sie durch diese Auseinandersetzung erkannt haben, worauf es im Leben wirklich ankommt. Lange schon vor manch Gleichaltrigen, die vielleicht immer noch dem Erfolg oder Konsum nachjagen.

Wie sie stolz sind auf ihre besondere Sensibilität und Fähigkeit zur Empathie für andere. Lange bevor das Gegenüber sich äußert (oder sich manchmal selbst erst bewusst wird), merken sie bereits, was Sache ist, was abgeht, wie’s dem anderen eigentlich geht. Manchmal fällt die Abgrenzung schwer und kann in die eigene Überforderung führen. In vielerlei Hinsicht bereichert diese wertvolle Fähigkeit zu hoher Sensibilität die Beziehungen. Und zwar dann, wenn der jeweilige lernt, sich auf selbst- und fremd-schätzende Weise immer wieder neu zu regulieren. Und auch ihr/sein[1]Umfeld achtsam (re)agiert. Viele berichten, wie dieses Lernen begeistert und ihre tiefe Freude und Zuversicht darüber leuchtet aus ihren Augen. „Die DBT[2]hat mir so wertvolle Werkzeuge an die Hand gegeben! Ich verstehe gar nicht, wie ich mein Leben bisher überhaupt ohne meistern konnte?!“

Die Sicht der Therapeuten

Auch Therapeuten berichten, wie sie persönlich durch DBT gewachsen sind. Manchmal ganz neuen, wertvollen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen gefunden haben. Dass sie durch das Anwenden von DBT für sich selbst und durch die Arbeit mit denen, die sich mit DBT auf den Weg machen, wachsen. Ja, zu besseren Therapeuten an sich werden. Die Arbeit mit Menschen mit Borderline sei oft schonungslos, das müsse man aushalten können. Und dabei ist die Arbeit zugleich so klar und direkt, dass sie eine große Bereicherung darstelle. Es werde nicht langweilig, heißt es humorvoll. Weder in der Therapie, noch ganz grundsätzlich in Beziehung mit den Betroffenen.

Und auch ihnen selbst wird es nicht fad. Viele interessieren sich vielseitig, assoziieren immer wieder aufs Neue. Bilden Verknüpfungen innerhalb von Themen oder zwischen ihnen, sehr kreativ. Ob Poetry Slam, Malerei, Schreiben, Yoga, Percussion, (Bauch)Tanz oder Fotografie. Viele finden in diesen Hobbies Wege, ihre eigenen Talente zu verwirklichen und auch ihre Stimmungsschwankungen zu regulieren. Manchmal verhindern gerade diese Ausdrucksmöglichkeiten, dass es zu einer Explosion kommt.

So wie kleine Dinge und alltägliche Situationen heftige Gefühle wie Verzweiflung, Angst, Ohnmacht, Wut, Ekel, Neid, Eifersucht, Stolz, Scham und Co triggern können, so empfinden Menschen mit Borderline auch auf der anderen Seite des Gefühlsspektrums diese Heftigkeit der Emotionen. Kleine Dinge können unbändige Freude auslösen: eine Blume am Wegesrand, ein Glas Wasser, ein Sonnenstrahl. Somit können Glücksmomente auch an Ecken warten, an denen man nicht mit ihnen gerechnet hat. Auch in der Begegnung mit geliebten Menschen: Tiefe Momente des Glücks, der Liebe, der Begeisterung, der Dankbarkeit. Und die kann ansteckend sein. Für den, der Augen hat zu sehen, Ohren, zu hören und ein Herz, sich zu öffnen… 

Es gibt keinen geraden Weg …

Manche Menschen mit Borderline Persönlichkeitsstruktur, die sich auf den Weg machen, haben ein großes Herz für Tiere. Oder einen besonderen Draht zu „schwierigen“ Menschen: „Kinder mit Auffälligkeiten öffnen sich eher bei mir als bei Anderen“, erzählen Manche. „Durch meine Ausdauer und Sensibilisierung und Intervention erhalten wir jetzt endlich Supervision im Team!“(helfender Beruf)

Angehörige schildern, wie sie in der Auseinandersetzung mit der Borderline-Dynamik gewachsen sind: Mehr vom Wesen des Lebens verstehen, offener werden, sich mit sich selbst viel mehr auseinandersetzen. Dadurch sogar wieder mehr in ihre eigene Mitte finden. Dass man dank konstruktiver Konfliktfähigkeit wachsen, miteinander besondere Nähe und Vertrauen teilen kann. Wenn sich beide so unverstellt erleben, an und jenseits der eigenen Grenzen, kann das mit Vertrauen auch besondere Tiefe der Beziehung ermöglichen – bei aller Ambivalenz der Gefühle, die sich zwischendurch einstellen mag. Mir dämmert, es ist wichtig, dass wir alle beweglich bleiben. In BeWEGung bleiben…

Vielen habe nach dem anfänglichen Schock (der durchaus dauern kann) die Diagnose Borderline geholfen. Dabei, sich selbst und andere besser verstehen und akzeptieren zu können, sagen Betroffene wie Angehörige.

Nahe Beziehungen werden tiefergehend, wahre Freunde erkennbar, wenn sich alle Beteiligten auf den Weg machen. „Wer bei mir bleibt, den schätze ich besonders, bin loyal und ausdauernd. Gerade weil ich um die Schwierigkeit weiß, wenn sich andere abwenden“ Du musst es alleine tun! Und Du kannst es nur mit anderen schaffen!, heißt es sinngemäß. Und das gilt sicherlich für alle Beteiligten. Es geht eben darum, selbst loszugehen UND sich mit anderen zusammen auf den Weg zu machen. Sich einander zu zuMUTen UND miteinander neue Erfahrungen zu machen…

Mutig – oder normal?

Und dann die große Ausdauer, Leidens- und Überwindungsfähigkeit an sich. „Ich weiß, auch wenn es mir schlecht geht, ich schaffe das! Ich habe schon ganz anderes geschafft!“

Bewundernswert, die ausgeprägte Fähigkeit zur Reflexion ihrer selbst und der anderen. Von all denen, die sich auf den Weg gemacht haben. „Wir kehren in der Familie nicht mehr so viel untern Teppich, sondern sprechen uns aus und die Dinge an. Wir gehen mehr aufeinander zu und ein… auch wenn das manchmal nicht leicht ist, Zeit braucht oder auch die Unterstützung von Profis, die Familiengespräche begleiten, moderieren.“

So mutig, so verschmitzt, mit liebevoller Selbstironie, einer guten Portion unverwüstlichen Humors berichten manche aus ihrem Borderline-(WG-)Alltag…

Der große Mut sich zu outen, in der Arbeit, Familie, Freundeskreis. Und der Mut sich zu schützen, wo Stigmatisierung im (Arbeits-)Umfeld immer noch vorherrschend ist.

Erschütternd zu hören, dass immer noch viele Therapeuten die Arbeit mit Borderline-Klienten ablehnen. Aus Angst? Überforderung? Grundsätzlicher Ablehnung? Unwissenheit? Manch therapeutische Berichte null Ressourcen betonen.

Alle Beteiligten (Betroffene, Angehörige, Profis) heben hervor, was für wertvolle Menschen sie auf ihrem Weg kennengelernt haben, seitdem die Diagnose da ist. Es wird von „Miteinander“ und „großer Bereicherung“ gesprochen.

Alle anders gleich

Schließlich besteht Einigkeit: Charakterlich unterscheiden sich alle. Selbst, wenn die Diagnose die „gleiche“ ist und ähnliche, besondere Fähigkeiten hervor bringen mag. Schwarz-Weiß-Stereotypisierung greift nicht wirklich. Bekanntlich äußert sich Borderline in den unterschiedlichsten Ausprägungen und Stärken. Meist auch für eine Person selbst innerhalb ihres eigenen Lebensverlaufes.

Nichtsdestotrotz lassen sich bestimmte Fähigkeiten ausmachen, bei all denjenigen, die sich auf ihren Weg machen, mit Borderline ein glückliches Leben zu leben: Sensibel, einfühlsam, kreativ, häufig spontan, manchmal sprunghaft und zugleich doch so mancher ausdauernd, sehr mutig, Steh-auf-Qualität und Fähigkeit zur Resilienz (gesunde Widerstandskräfte stärkend). Über all die Momente und Krisen hinaus, in denen alles wackelt. Die Fähigkeit zu großer Freude an kleinen Dingen und die, den Dingen auf den Grund zu gehen. Menschen mit „Auffälligkeiten“ fühlen sich besonders angenommen.

Müsste das nicht ganz neue Forschungs-Fragen und –felder für die Neuro-Biologie eröffnen? Was passiert da mit den Synapsen-Verknüpfungen genau? Wie lässt sich dieses Wissen verantwortungsvoll für Gesundung und Heilung in der Therapie einsetzen?

Und ist nicht Marsha M. Linehan, die Begründerin der DBT, selbst der beste Beweis dafür, dass Heilung und Gesundung möglich sind!? 2011 berichtete die Professorin für Psychologie in einem Interview der New York Times von ihrer eigenen Geschichte als Borderline-Betroffene.[3]Und kann nicht dieses Miteinander-Unterwegs-Sein auch anderen helfen und sie bereichern?! So wie sich alleBeteiligten gegenseitig unterstützen, wenn sie sich im Trialog auf gleicher Augenhöhe füreinander öffnen! Was für ein Geschenk! Nur Mut! Und Danke, Borderline!

Silke Weigang, Beteiligte

Möge jeder Leser achtsam und wertschätzend mit diesen sehr persönlichen Erfahrungsberichten umgehen. Ich danke jedem, dass er mir selbst damit geholfen hat, das Leben an sich (mit und ohne Borderline) besser zu verstehen. Mögen diese Einblicke allen Mut machen, ihren Weg weiter mit Ausdauer zu beschreiten.


[1]Egal welche grammatikalische Form zum Einsatz kommt, immer sind Menschen in gleicher Wertigkeit gemeint (Frauen, Männer, Trans…)

[2]DBT = Dialektisch-Behaviorale Therapie (auch dialektische Verhaltenstherapie)

[3]Expert on Mental Illness Reveals Her Own Fight: https://www.nytimes.com/2011/06/23/health/23lives.htmlhttp://archive.nytimes.com/www.nytimes.com/2011/06/23/health/23lives.html