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Medikamente auf der Borderline

Medikamente auf der Borderline

Lesezeit: 9 minuten

Nach Jahren ohne Medikamente habe ich mich letztes Jahr dazu entschieden, ihnen mal eine Chance zu geben. Was für Erfahrungen ich gemacht habe, wie sie die Borderline beeinflussen und meine Empfehlung an euch.

Medikamente auf der Borderline: Kleine Sache, große (Neben)Wirkung.

Medikamente auf der Borderline: Kleine Sache, große (Neben)Wirkung.

Das wichtigste zu Beginn: Nein, es gibt keine Medikamente für/gegen die Borderline Persönlichkeitsstörung. Aber es gibt Mittel aus dem psychiatrischen Umfeld, die in der Behandlung von Borderline eingesetzt werden. Allen voran: Antidepressiva, mit denen auch ich inzwischen meine Erfahrungen gemacht habe.

Darüber hinaus gibt es zum Beispiel noch stimmungsstabilisierende Medikamente, die hauptsächlich bei der bipolaren Störung eingesetzt werden aber unter Umständen auch bei Borderline hilfreich sein können. Beruhigungsmittel gegen die Anspannung und Gedankenrasen sind eine weitere Option, genau wie Mittel, die beim Ein-/Durchschlafen helfen. Aber das nur mal als ersten Überblick.

 Mein Weg zur Entscheidung

… war ein sehr, sehr lange. Nimmt man 2002 als Geburtsjahr meiner „dunklen Seite“, so dürfte sie immerhin 15 Jahre alt werden, bevor ich das erste Mal chemische Unterstützung in Anspruch genommen habe. Natürlich wusste ich, dass es Psychopharmaka gibt, dass einige Betroffene regelmäßig Medikamente schlucken und die Erfahrungen damit vielfältigst sind. Aber irgendwie kam das für mich nie in Frage.

Mein Hauptgrund, warum ich so lange damit gewartet habe: ich hatte nie Angst, vor den Wirkungen, sondern immer nur vor den Nebenwirkungen (dazu später noch mehr). So habe ich lange gesagt (und gedacht), dass ich keine Antidepressiva brauche, weil ich laufe, und das ja bekanntermaßen besser helfen kann als so manches Medikament.

Zum Verhältnis der beiden habe ich sogar einen eigenen Artikel geschrieben.

Bei meinem 12-wöchigen Aufenthalt in der Schön Klinik in Hamburg wurde das Thema natürlich auch immer wieder angesprochen. Soweit ich mich erinnere, war ich mit meiner „No-pills“-Strategie dort oben ziemlich alleine. Fast alle Mitpatienten gingen (mehrmals) täglich zur Medikamentenausgabe. Damit auch ich an diesem Ritual teilhaben durfte bekam ich die erste Zeit noch Vitamintabletten, die auf meinen Wunsch hin dann jedoch auch alsbald „abgesetzt“ wurden.

Immer mal wieder habe ich es mit homöopathischen Mitteln versucht, zum Beispiel Johanniskraut, das ja für seine stimmungsaufhellende Wirkung bekannt ist. Wirklich gemerkt habe ich davon aber nichts.

Was ich aber gemerkt habe, war meine suizidale Krise im Frühjahr 2017. Dank (professioneller) Unterstützung bin ich aus der Krise selbst relativ unbeschadet wieder herausgekommen. Was jedoch geblieben ist, war die Erkenntnis: vielleicht ist mein Konstrukt aus Routine, ambulanter Therapie, Selbstfürsorge, Sport, Achtsamkeit und Schlaf einfach noch nicht genug. Noch nicht stabil genug.

Sicherlich nicht ganz unbedeutend war auch der Einfluss eines sehr langjährigen Freundes, der sich meinen (erfolglosen) Kampf schon seit Jahren von der Seitenlinie mitansehen musste. Und der mir immer wieder vorgeschlagen bzw. nahegelegt hatte, dass ich es doch mal mit medikamentöser Unterstützung versuchen solle. Nach der Krise samt Einweisung war es dann soweit, ich habe mich irgendwie verpflichtet oder schuldig ihm gegenüber gefühlt, es wenigstens mal zu versuchen. Und das habe ich dann.

 Mein Weg zum Medikament

… war zwar etwas kürzer, aber auch kein direkter. In gewisser Weise bin ich auch noch drauf, weil ich noch nicht die finale Lösung gefunden habe. Aber von vorn:

Wie es bei uns in Deutschland eben so ist: nur weil man sich entscheidet, psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, heißt das nicht, dass man sie sofort hat. Lange Wartezeiten auch hier. Wenige Wochen nach meiner Krisennacht hatte ich dann aber den ersten Termin bei einem Psychiater, den ich einfach im Internet mit Google und Rumsurfen gefunden hatte.

Die Termine dort waren ganz anders, als ich es von meiner Therapeutin gewohnt war: viel kürzer, ein volleres Wartezimmer. Da musste ich mich erst ein wenig dran gewöhnen. Er hat mir nach einer sehr kurzen Anamnese mein erstes Medikament aufgeschrieben, wie ich heute weiß ein Einsteigerantidepressivum.

Generelle Anmerkung: fragt mich nicht, nach Medikamentennamen. Die kann ich mir leider absolut nicht merken. 

Nach zwei weiteren Besuchen bei dem guten Herrn, war klar, dass ich nicht weiter zu ihm gehen würde – es hat einfach nicht gepasst. Das Medikament habe ich aber erstmal weiter genommen und mit erneut auf die Suche nach einem Psychiater gemacht. So saß ich wenige Wochen später in einem neuen Wartezimmer und schließlich vor einer neuen Ärztin. Wieder über die klassische Google-ich-surfe-mal-durchs-Netz-Methode gefunden.

Diesmal saß ich hier aber richtig. Ich habe mich sofort wohlgefühlt, konnte offen sprechen und fühlte mich ab der ersten Sekunde kompetent beraten. Sie ist es auch, mit der ich bis heute auf der Suche nach dem für mich passenden Medikament bin, denn das ist gar nicht so einfach.

 Das passende Medikament finden

Zu Beginn haben wir beschlossen, dass ich das Medikament des ersten Arztes weiter nehmen solle, aber die Dosierung erhöhe. Bis dato hatte ich nämlich noch nicht viel Wirkung gemerkt, einfach absetzten wollte ich aber auch nicht, weil ich gehört hatte, dass das bei Psychopharmaka nicht so gut sein kann. So ging es also mit höhere Dosis weiter und langsam habe ich auch Wirkungen festgestellt. Leider aber auch Nebenwirkungen in der Form fehlender Energie, sodass wir Anfang des neuen Jahres Medikament 1 ausgeschlichen haben und Medikament 2 dran war.

Dieses Spiel hat sich bis heute drei Mal wiederholt, so dass ich mittlerweile bei Medikament 4 bin. Oder sogar schon bei Medikament 5? Langsam verliere ich den Überblick. Die Umstellungen sind jedes Mal anstrengend, für den Kopf und den Körper. Da es sich bei mir aber um eine chronische Depression handelt und ich das Medikament wohl mindestens für einige Jahre nehmen werde, will ich aber sicher sein, dass es passt. Will keine Kompromisse eingehen sondern so lange ausprobieren, bis ich ein gutes Gefühl habe.

Neben dem Antidepressive hat mir Ärztin Nr. 2 auch ein Medikament verschrieben, dass ich nicht dauerhaft einnehme, sondern nur, wenn ich Bedarf habe. Es hat eine beruhigende Wirkung und ich nehme es zum Beispiel, wenn ich merke, dass die Anspannung steigt, die Gedanken zu sehr Kreisen und womöglich sogar in dunkle Richtungen abdriften. Es wirkt sehr schnell, in etwa 30 Minuten.

In gewisser Weise ist die Wirkung für mich vergleichbar mit dem Konsum von Alkohol: wenn es früher schwer/anstrengend wurde und/oder die Anspannung stieg, habe ich getrunken, um mich wieder zu beruhigen. Das übernimmt nun das Medikament. Und beide haben auch eine präventive Wirkung: wenn ich weiß, dass eine Situation anstrengend wird, kann ich auch im Vorhinein schon eine Tablette nehmen. Wirklich schönes Mittel, auch wenn ich es dank meiner veränderten, stabileren Lebenssituation heute nicht mehr so oft brauche – es ist gut zu wissen, dass ich es habe.

 Wie wirkt es?

Jetzt geht es wieder um das Antidepressivum: wenn ich schreibe, dass ich den Überblick verliere, dann heißt das nicht, dass ich den Glauben an die Wirkung verliere. Denn: die ist da. Aus meiner Sicht war ich noch nie so stabil, wie in den Wochen und Monaten mit medikamentöser Unterstützung.

Die Depression hat sich für mich häufig als eine Kraft geäußert, die hinter mir steht und mich runter ins Loch, ins Dunkle ziehen will. Die meine Aufmerksamkeit auf alles Schlechte gelenkt hat, die sehen wollte, dass ich weinend am Boden liege. Und ständig, jeden Tag aufs neue, musste ich mich gegen diese Kraft stemmen – mit all meiner Kraft. Diese Kraft hat mir dann wiederum für die Bewältigung meines Alltags und meiner Borderline gefehlt.

Das Medikament macht nun, dass diese unsichtbare Kraft nicht mehr da ist. Dass das Dunkle im hinteren Teil meines Kopfes Ruhe gibt. Was nicht heißt, dass ich ständig gute Laune habe und am Lachen bin, sondern einfach, dass ich nicht mehr so viel Energie an die Depression verliere.

Und auch wenn Antidepressiva nicht direkt auf die Borderline einwirken, so machen sie mich doch insgesamt stabiler. Gedanken, Gefühle, Selbstwahrnehmung – alles nicht mehr ganz so labil wie ohne. Ich muss nicht mehr so viel Zeit und Anstrengung darauf verwenden, mit meinem eigenen Kopf zu diskutieren.

 Nebenwirkungen?

Und natürlich ist mir klar, dass das keine Gummidrops sind, die ich da schlucke. Sondern dass es Stoffe sind, die tief in mein System eingreifen, ohne dass ich genau weiß, was passiert. Auch dieser Gedanke hat mich lange davon abgehalten, es zu versuchen.

Vor allem die Angst vor einer Gewichtszunahme stand für mich lange Zeit im Mittelpunkt. Wenn man Horrorgeschichten rund um die Einnahme von Psychopharmaka hört, dann haben sie sehr oft damit zu tun. Und es gibt sicher auch Menschen, die durch sie zugenommen haben. Ob da nun direkt das Medikament dran Schuld ist oder es andere Gründe gibt, kann ich nicht sagen.

Ich kann nur sagen, dass sich bei mir Gewichtsmäßig durch die Medikamente (bisher) rein gar nichts getan hat. Kein verändertes Essverhalten, keine Wassereinlagerungen, meine Haut ist auch weiter so schlecht, wie sie es schon davor war. Diese große Angst hat sich bei mir also als absolut überflüssig herausgestellt.

Mit anderen Nebenwirkungen hatte und habe ich jedoch das Vergnügen: das erste Medikament hat mir fast alle meine Energie geraubt, so dass ich – ein Mensch, der morgens eigentlich leicht aufsteht und auch sonst recht aktiv ist – nicht mehr aufstehen konnte, am liebsten den ganzen Tag geschlafen hätte und chronisch schlapp war. Fast ein bisschen, wie in der Mitte einer Depression, aber ohne die Gedanken dazu. Denn die waren weniger präsent. Immerhin.

Bei den Mitteln danach war dieser Energieverlust zum Glück kein Thema mehr. Stattdessen habe ich zum Beispiel bei einem gemerkt, dass meine Emotionen nicht mehr ganz so extrem waren. An beiden Enden des Spektrums. Die Tiefe der Traurigkeit, aber auch die Höhe der Euphorie waren weniger stark. Letzteres ist schade, aber damit hätte ich mich aber arrangieren können.

 Läuft nicht

Womit ich mich aber nicht arrangieren kann und was der Hauptgrund dafür ist, dass ich schon so oft gewechselt habe: wenn mein Herz-Kreislauf-System zu stark beeinflusst wird. Wenn mein Ruhepuls 20 Schläge höher als gewohnt ist und dies heftige Konsequenzen für mein Lauftraining hat.

Schon in der Vorbereitung zum Marathon in Paris habe ich gemerkt, dass ich nicht so trainieren konnte, wie ich es von mir gewohnt war. Und wusste, dass dies an den Medikamenten liegt. Schön war das nicht, aber ich hatte die Hoffnung, dass mein Körper sich vielleicht mit der Zeit anpasst und dran gewöhnt.

In Paris wurde es keine schöne Zeit, was nicht weiter schlimm gewesen wäre, denn der Lauf an sich war trotzdem toll. Aber auch darüber hinaus ging meine Leistung immer weiter in den Keller. Das ging soweit, dass ich bei mancher Laufrunde heulen hätte können vor Frust. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich das erste Mal in Laufschuhen unterwegs und nicht schon eine langjährige Läuferin.

Ich bin gerne bereit, Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen. Wenn sie aber einen so starken, negativen Einfluss auf die Sache haben, die mir schon so lange hilft, die mir so gut tut, mir so viel gibt, mir so wichtig ist – dann kann ich das nicht akzeptieren. Deswegen suche ich weiter und bin guter Dinge, dass ich – auch dank der tollen Unterstützung meiner Psychiaterin – das richtige Mittel finden werden.

 Scham? – Why?

Immer wieder stoße ich in anderen Mental Health Accounts in den sozialen Medien, in Artikeln und Beiträgen auf das Thema Scham wenn es um Medikamente geht.

Meine Einstellung hierzu ist ganz klar: Psychopharmaka einzunehmen ist kein Grund, sich schämen zu müssen. Schämt sich jemand mit Bluthochdruck, dass er medikamentöse Unterstützung braucht? Schämt sich ein Autobesitzer dafür, dass er immer wieder zum Tanken fahren muss, damit sein Auto weiter fährt?

Es gibt wohl auch Menschen, die meinen, dass man doch irgendwann mal wieder aufhören solle, diese Medikamente zu nehmen: „Es sei ja jetzt schließlich schon lange genug gewesen“. Ich wette, diese Menschen sagen auch keinem Diabetiker, er solle doch jetzt endlich mal aufhören mit dem Insulin, es müsse doch jetzt mal gut sein.

Ich vermute, dass die Medikamente hier nicht das eigentliche Problem sind, sondern wie so oft der generelle Umgang mit psychischen Krankheiten. Die Stigmatisierung und das Unwissen drum rum.

Wie ihr es von mir gewohnt seid, gehe ich auch mit diesem Teil meiner Krankheit offen um. Die Reaktionen gehen – wie bei der Krankheit an sich – oft ins Ungläubige („Was, du und Depressionen?“) aber vielleicht ist das ja genau das, was die Leute brauchen: ein in ihrer Wahrnehmung starker Mensch, der ganz selbstverständlich darüber redet, wie sehr im Medikamente im Alltag helfen?

 Mein Fazit

Bisher kann ich wirklich nur sagen, dass es eine gute und richtige Entscheidung war, es mit Antidepressiva zu versuchen. Und ich würde mir wünschen, dass ich nicht so lange gewartet hätte. Die Phasen, in denen ich Medikamente umstelle, bestätigen mich besonders darin:

Da man nicht einfach von heute auf Morgen Medikament wechseln sollte, ist eine Umstellung immer ein mindestens mehrtägiger Prozess. Das alte wird „ausgeschlichen“ (ich nehme also nach und nach weniger ein, senke die Dosis). Wenn dies erfolgt ist fängt man an, das neue Medikament „einzuschleichen“. Oder auch einfach je nach Dosierung und Darreichungsform, es zu nehmen.

So kommt es, dass ich in der Mitte dieses Prozesses quasi wirkstoffrei bin. Und diese Tage sind nicht schön. Denn dann ist alles wieder beim alten. Dann ist es wieder so, wie es lange Jahre war. Der Kopf tobt, die Gedanken drehen sich im Kreis, werden schwarz, die dunkle Kraft will mich runterziehen. Und ich merke, wie viel Energie es mir raubt, mich gegen all das zu stemmen. Bis das neue Medikament diese Aufgabe wieder für mich übernimmt und ich merke, wie es ruhiger und leichter wird. Ich wieder mehr Energie für all die anderen Dinge in meinem Leben habe.

Das klingt alles sehr heftig, und ist es ja auch zum Teil. Aber was ich auch betonen möchte: ich habe nicht das Gefühl, aufgrund des Medikaments ein anderer Mensch zu sein. Ich bin immer noch Dommi, mit all meinen Stärken und Schwächen, Träumen und Erinnerungen, Vorlieben und Abneigungen. Das Antidepressivum verändert nicht mich, sondern nur meine Depression.

Dass deswegen alles leicht und schön und fluffig ist, heißt es natürlich auch nicht. Die Borderline fährt ja im Vordergrund immer noch weiter. Wäre ja auch noch schöner, wenn die sich von ein paar Medikamenten stoppen ließe =)

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Wer sich wundert, dass ich nicht einfach von meiner Therapeutin, bei der ich schon seit Jahren in Behandlung bin und von der ich öfter Mal rede, ein Rezept für Antidepressiva bekommen habe: als Psychologin darf sie das nicht, eine Psychiaterin aber schon.

Verwirrt? Da bist du nicht alleine. Darum hier der Link zu einem guten Artikel, der die Unterschiede zwischen den Berufsbildern erklärt:

Kennst du den Unterschied zwischen Psychologe, Psychiater und Psychotherapeut?

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