TtB – Traveling | the | Borderline

Essstörung und Borderline – „Iss doch einfach“

Essstörung und Borderline – „Iss doch einfach“

"Über das Leben mit einer Essstörung und warum man sie wieder loswerden sollte" – Photo by JR Korpa on UnsplashLesezeit: 7 minuten

Ein Gastbeitrag von Anni, 19 Jahre. Neben der Borderline Persönlichkeitsstörung hat sie seit 5 Jahren eine Essstörung namens Anorexia Nervosa (Magersucht). Auf Instagram findet ihr sie unter @ancoffeelove. In ihrem Gastbeitrag schildert sie, wie sie den Kampf mit dem Essen erlebt hat, wie er bei ihr verlaufen ist, und wo man sich Hilfe suchen kann.

Über das Leben mit einer Essstörung und warum man sie wieder loswerden sollte ***TRIGGERWARNUNG***

Magersucht – „Hast du zu viel „Germanys Next Topmodel“ geschaut ?“

Tja, wenn das so einfach wäre. Aber leider musste und muss ich immer wieder die Erfahrung machen, dass viele Menschen genau so denken. „Magersüchtige, das sind die, die sich zu dick fühlen. Die, die nicht essen wollen. Und die, die nur Aufmerksamkeit auf sich ziehen möchten.“

Wie komplex diese Erkrankung eigentlich ist, verstehen die wenigsten. Deshalb werde ich euch erzählen, wie das Leben mit einer Essstörung wirklich is(s)t.

Ich war 14 Jahre alt, als sich die ersten Symptome einschlichen.

Ich fühlte mich sehr unwohl in meinem Körper. Dazu kam, dass in diesem Jahr meine beiden Großeltern starben und es häufig Konflikte in meiner Familie gab. Es fing damit an, dass ich das Abendessen ausließ und sehr darauf achtete, mich möglichst gesund zu ernähren. Ich fing an Joggen zu gehen und probierte jede Ernährungsform aus, die damals in Mode war. Das ging circa ein Jahr so. Ich verlor etwas Gewicht, nahm wieder zu, alles in allem war es ein Auf und Ab. Und die Symptomatik blieb sowohl von mir als auch von meinen Eltern unbemerkt.

Im Herbst 2015 trennten sich meine Eltern. Ich stand in der Schusslinie, fühlte mich verantwortlich für die Trennung und wurde von beiden Eltern als „Seelischer Mülleimer“ (wie meine Therapeutin es später benannte) benutzt. Dazu kam, dass ich mich viel um meine jüngere Schwester kümmern musste, da meine Eltern sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Und dass ich in der 11. Klasse (1 Jahr vor dem Abitur) war und auch die Schule und Klausuren anspruchsvoller wurden.

Kein Platz für die Gefühle

Unter diesen Belastungen und dem Stress reduzierte ich quasi intuitiv meine Portionsgrößen und hatte schließlich von Oktober bis Dezember 4 Kilo verloren. Ich bekam viele Komplimente und Anerkennung, was neu für mich war und gleichzeitig den Wunsch weckte, mehr Gewicht zu verlieren.

Im Januar 2016 zog ich mit meiner Mutter und meiner Schwester aus meinem Elternhaus aus, was mir sehr zu schaffen machte. Da sich aber alle und alles im Umbruch befand, hatten diese Gefühle in meinem Alltag keinen Platz, und ich fand kein Ohr, das bereit war mir und meinen Problemen gehör zu schenken.

Ich stieß über eine Bekannte auf eine App in der man seine Mahlzeiten eintragen und Kalorien berechnen konnte. Ab dem Zeitpunkt, würde ich sagen, stürzte ich ziemlich ab. Ich begann nach jeder normalen Mahlzeit selbst herbeigeführt zu erbrechen, trieb übermäßig viel Sport und reduzierte meine Portionsgrößen weiter. So ging es ungefähr von Januar bis April. Ich verlor weitere 6 Kilo. Langsam begann es meiner Mutter aufzufallen, jedoch war sie nicht wirklich offen und ihre halbherzigen Versuche mir zu helfen verliefen im Sand. Nicht zuletzt, weil ich zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht verstand, wie krank ich eigentlich war.

Ich schaute mir eine therapeutische Wohngruppe an, hatte zwei Termine bei einer Ernährungsberaterin. Alles ziemlich erfolglos. Für mich bedeutete der Wechsel aus Sport, Nicht-Essen, Essen und Erbrechen eine willkommene Ablenkung vom Trennungskrieg meiner Eltern und eine Möglichkeit all die unerwünschten Gefühle zu unterdrücken. Ich kotze, statt dass ich motzte (weiser Spruch meiner Therapeutin).

Die Welt (m)ein Zimmer

Irgendwann biss sich der Gedanke in mir fest, dass ich nur noch eine bestimmte Obergrenze an Kalorien zu mir nehmen durfte. Diese belief sich auf 200 Kalorien täglich, was ungefähr 2EL fettreduziertem Joghurt, 3 zerbröselten Vollkornkeksen und ein paar geschnittenen Erdbeeren entsprach. Von dieser „Nahrung“ ernährte ich mich von April bis Juni. Ich verlor 9 Kilo in diesen 2 Monaten, wurde zunehmend depressiver und verbrachte meine Tage zum Schluss nur noch bei heruntergelassenen Rollladen in meinem Bett, wo ich abwechselnd Harry Potter schaute, für meine Klausuren lernte oder mich an Kochbüchern und Essensvideos satt sah.

Ich war körperlich massiv geschwächt, schleppte mich nur noch unregelmäßig zur Schule. Auch dort wurde ich mittlerweile sowohl von Lehrern als auch von Schülern angesprochen. Ich wehrte jede Frage mit der Antwort „alles der Stress“ ab und ließ niemanden an mich ran. Und ich ging vollkommen aus dem Kontakt zu meinen Eltern.

Eine Woche bevor wir im Juni auf Kursfahrt fuhren (die ich mit Wasser, Salat und Jacke bei 33°C in Südfrankreich bestritt) schaute ich mir eine Spezialklinik für Essstörungen an. Die Krankenkasse lehnte jedoch aufgrund eines Fehlers im Antrag (falscher Body-Mass-Index) die Kostenübernahme ab. Zurück von der Kursfahrt war ich nicht mehr in der Lage von Sofa oder Bett aufzustehen. So fasste meine Mutter den Entschluss mich in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Nähe zu bringen.

Klinik Nummer 1

An die ersten zwei Wochen kann ich mich kaum erinnern, ich weiß noch dass ich dort erst einmal weitere 2 Kilo verlor. Insgesamt war ich 14 Wochen dort. Ich nahm bis zu einem gesunden Gewicht zu, schrieb von dort aus die nötigsten Klausuren um meine Abiturzulassung zu bekommen und spielte allen vor, ich hätte meine Erkrankung verstanden und wäre auf dem besten Weg der Genesung. Spoiler: Dem war nicht so.

Ich wurde Ende September 2016 entlassen, nur um postwendend in alte Muster zurück zu fallen. Ich ging 2 x wöchentlich zu Gewichtskontrolle zu meiner Ärztin und hatte einmal die Woche ambulante Therapie.

Der Knackpunkt war jedoch, dass es in meinem Umfeld genau die gleichen Probleme gab wie zuvor. Ich stand weiterhin zwischen den Stühlen meiner sich immer noch im Krieg befindenden Eltern. Mittlerweile hatten beide neue Partner und auch meine Schwester litt nach wie vor.

Ich stand also im Abitur, trug sowohl Konflikte mit meiner Mutter und ihrem Partner aus, als auch mit meinem Vater. Hatte die Verantwortung für meine Schwester, da meine Mutter sich ausschließlich um sich kümmerte und war immer noch genauso krank (wenn nicht kränker) wie zuvor. All das führte zwangsläufig dazu, dass ich langsam aber sicher wieder Gewicht verlor. Ich wechselte meine ambulante Therapeutin was mir half, mich selbst besser zu verstehen, trotzdem haperte es an der Umsetzung.

Neue Klinik, neuer Versuch

Am Tag meines Abiballs im Juli 2018 war ich erneut 9 Kilo von meinem Entlassgewicht entfernt. Lange wollte ich mir nicht eingestehen, dass es so nicht weiter ging. Ich verlor weitere 4 Kilo, meldete mich in einer sehr renommierten Klinik an. Irgendwann wies meine Ärztin mich mit einem Puls von 32 ins örtliche Kinderkrankenhaus ein. Dort angekommen bekam ich den lang ersehnten Anruf der Klinik. Ich durfte in einer Woche anreisen. Die letzte Woche verbrachte ich bei meinem Vater.

Mit einem BMI von 14 wurde ich schlussendlich aufgenommen.

Und diesmal wollte ich wirklich gesund werden. 5 ½ Monate verbrachte ich in Prien, bevor ich im Februar 2018 für ein sogenanntes Intervall für drei Wochen heim ging. Aus diesen drei Wochen lernte ich, dass ich dort niemals wieder einziehen kann. Ich verlor erneut Gewicht und hatte einfach keine Chance, all das erlernte anzuwenden. Ich verbrachte erneut vier Monate in der Klinik, bevor ich im Juli in meine erste eigene WG nach München zog. 800 Kilometer von Zuhause weg.

Die Klinik hat mir wirklich wirklich viel gebracht. Nirgendwo sonst, habe ich so viel Verständnis, Wertschätzung und Hilfe bekommen. Ich habe gelernt mich zu verstehen, zu reflektieren, und nicht nur mir die Schuld für alles und jedes zu geben.

Ich habe in der Klinik eine weitere Diagnose bekommen, die mich sehr umgehauen hat. Emotional-Instabile Persönlichkeitsstörung. Ich hatte seit Jahren Probleme mit Selbstverletzung, die sich durch das Erreichen und Halten eines gesunden Gewichts massiv verstärkten. Als ich entlassen wurde, schaffte ich es mich sehr gut an die Mahlzeitenstruktur und mein Gewicht zu halten. Jedoch nahm das Problem mit dem Schneiden neue Ausmaße an.

Im Oktober 2018 begann ich eine Ausbildung, die leider gut verdrängte Traumata antriggerte. Ich hatte mit Dissoziationen und Flashbacks zu kämpfen und rutschte ohne es richtig wahrzunehmen erneut in die Essstörung. Ich verlor innerhalb von 8-10 Wochen 11 Kilo. Und wurde im Januar erneut in der Klinik aufgenommen.

Essstörung ist mehr als dünn-sein-wollen !

Jede Art der Essstörung, egal ob Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating ist eine sehr belastende, komplexe und vielschichtige Erkrankung, die keinesfalls auf ein einfaches Schlankheitsstreben runtergebrochen werden kann. Sie ist Ausdruck eines tiefen seelischen Leids und muss ernst genommen werden.

Es gibt viele Gründe für die Entstehung einer Essstörung, dabei ist jeder gleich schwerwiegend. Egal ob ein Wunsch nach Aufmerksamkeit dahinter steht, ein Betäuben und Verdrängen von unangenehmen Gefühlen, das Verlangen nach Kontrolle oder ein geringes Selbstwertgefühl, welches man durch das Gefühl dünn und dadurch schön zu sein steigern möchte.

Spoiler: Du wirst niemals dünn genug sein und eine Essstörung drückt (falls möglich) deinen Selbstwert nur noch mehr in den Keller anstatt ihn zu steigern.

Eine Essstörung zu haben bedeutet, sein Leben zu verpassen. Ich selbst konnte nicht mehr feiern gehen, weil Alkohol zu viele Kalorien hat. War 24/7 mit Gedanken über essen und nicht-essen beschäftigt, sagte Verabredungen ab, zog mich zurück, wenn ich draußen, war fror ich selbst im Sommer. Ich konnte nicht mehr lachen, keinen Spaß haben, war kraftlos und depressiv. Ich habe den Großteil meiner Jugend in Krankenhäusern und Kliniken verbracht. Nichts woran ich mich in 10 Jahren gerne erinnern möchte.

Langzeitfolgen von Essstörungen

Egal um welche Art der Essstörung es sich handelt, auch die körperlichen Folgen sind sehr gefährlich. Durch das anorexiebedingte Untergewicht entstehen nicht selten Herzfehler, schwere Nährstoffmangel, Osteoporose sowie Magen-Darm-beschwerden bis hin zur Unfruchtbarkeit. Menschen die unter Bulimie leiden (Essanfälle mit anschließendem Erbrechen oder Fastenperioden als Ausgleich), haben ebenfalls häufig Nährstoffmängel (v.a. Probleme mit dem Elektrolythaushalt durch das Erbrechen), bis hin zu Verätzungen in der Speiseröhre (Magensäure) und in Extremfällen Risse in der Magenwand durch die große Essensmenge die bei einer Essattacke aufgenommen wird (ca. 10.000 Kalorien pro Essanfall innerhalb weniger Minuten). Auch das Übergewicht, dass häufig ein Symptom der Binge-eating-Störung ist, hat gefährliche gesundheitliche Folgen. Es schlägt sich auf Knochen und Gelenke aus, kann zu Diabetes, Bluthochdruck, Antriebslosigkeit und Arthrose führen.

Ihr seht schon, auch in diesem Fall existieren viele einfache und oberflächliche Vorurteile gegenüber einer psychischen Erkrankung. Was nicht zuletzt daran liegt, dass es für die meisten Menschen absolut unverständlich ist, warum man sich das Essen verbietet, nach dem Essen absichtlich erbricht oder nicht aufhören kann zu essen. Manche Menschen wollen es auch schlichtweg nicht verstehen.

Ich für meinen Teil gehe offen mit meiner Erkrankung um, bin bereit Fragen zu beantworten und zu erklären. Keinesfalls aber zu rechtfertigen. Eine Essstörung bekommt man schließlich nicht, weil der Wind ungünstig steht, man es sich aus Langeweile überlegt hat oder es grade in Mode ist. Ich möchte nochmal erwähnen, wie furchtbar der Kampf um jeden Bissen, ums nicht bewegen und um die Gewichtszunahme ist. Es kostet Kraft, Überwindung und sehr viel Mut. Häufig fließen auch Tränen, wenn sich alles in einem gegen das Essen sträubt, du aber trotzdem essen musst.

Ich hoffe, euch ist durch meine Geschichte und den Infoteil ein bisschen klarer geworden, wie schlimm Essstörungen sind und dass es wichtig ist, sich Hilfe zu holen.

Schlussworte und Hilfe

Falls ihr das Gefühl habt, keine normale Beziehung zum Essen zu haben, sprich, dass ihr euch Essen verbietet, das Gefühl habt Sport treiben zu müssen obwohl ihr nicht wollt, regelrecht Heißhunger zu verspüren, den ihr nicht unterdrücken könnt und dadurch in kurzer Zeit sehr viel essen zu euch nehmt etc., sucht euch bitte Hilfe!

Diese können Eltern, Lehrer, Freunde oder Infohotlines und Hilfenummern sein. Ich werde euch einige informative Seiten verlinken auf denen ihr nochmal konkretere Listen mit Symptomen und Klassifizierungen findet sowie Hilfehotlines und Ansprechpartner.

Hier einige seriöse Seiten. ACHTUNG: Es kursieren viele Seiten, die Essstörungen verherrlichen und als lohnenswert darstellen. Finger weg von sogenannten „Pro-Ana-/ Thinspiration-Seiten“ !


Zur „Die Psychotanten“-Podcast Folge zum Thema Essstörungen, in denen Anke erzählt, wie es bei ihr war (ohne Borderline) geht’s hier.