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Ein Ründli durch die Schweiz

Ein Ründli durch die Schweiz

So lässt es sich aufwachen, einschlafen, entspanne, kochen, … – dieser schöne Stell-/Schlafplatz für Gordon befindet sich am Grimselpass.Lesezeit: 7 minuten
An dieser Stelle nach längerer Zeit mal wieder ein Artikel, der eher die TRAVELING-Seite dieses Blogs im Mittelpunkt hat. Aber natürlich geht es trotzdem (auch) um Borderline. Es geht in die Schweiz, wo der beste Lasse der Welt und ich im Herbst 2018 einen Roadtrip gemacht haben. Wie das meinem Kopf gefallen hat, warum dieser Urlaub mich stolz gemacht hat – und warum ich gerne Schweizerin werden möchte, wenn ich groß bin.

Ich bin verliebt! Ja, natürlich auch in meinen Schatz. Aber auch ein wenig oder besser gesagt ein wenig mehr in die Schweiz. Es war nicht mein erster Besuch in diesem kleinen, spannenden Land. Aber bisher haben sich meine Aufenthalte auf Graubünden beschränkt und standen dank meiner lieben Freundin Laura sowieso schon unter den besten aller Vorzeichen. Dieses Mal ging es auch über Graubünden hinaus. Hinein ins Herz der Schweiz und hinauf auf ihre unzähligen Gipfel.

Willkommen an Bord, Mr. Gordon

Wer mich kennt, der weiß dass jedes Gefährt, mit dem ich es länger zu tun habe, ziemlich bald einen Namen verpasst bekommt. Ob zwei oder vier Räder, Rad oder Auto. Und in diesem Fall war unser Begleiter nun nochmal ein wenig extra besonders. Wir hatten nämlich das große Vergnügen, in einem Wohnmobil der Firma sunlight unterwegs sein zu dürfen. Und wenn ich sage Wohnmobil, dann meine ich eines von diesen richtig großen. Mehr tiny house als Auto. Und alles an Bord, was das Herz begehrt: Schlafplätze für vier, Stauraum en masse, Dusche, Klo, Licht für jede Lage und Stimmung, eine Küche mit einem größeren Kühlschrank als der zuhause. 

Am Ende hatten wir ziemlich genau 1000 km auf der Uhr. Sind auf Berge, über spannende Passstraßen und durch wunderschöne Täler gefahren. Man könnte sagen, Mr. Gordon war der ideal Begleiter für uns. Was für eine Wohltat, nach einer langen Wanderung bei hohen Temperaturen mal eben schnell auf dem Parkplatz duschen zu können. Was ein Geschenk, dort bleiben zu können wo die Aussichten am schönsten sind und man umgeben von Bergen einschläft und mit einem traumhaften Panoramablick aufwacht. Was ein Luxus, in kalten Nächten und bei Regen zum Pipi machen nicht nach draußen gehen zu müssen. Was für ein Wahnsinn, dass wir so viel Platz hatten, dass wir es uns beide immer bequem machen und dabei noch aus verschiedenen Positionen auswählen konnten. Wie wunderbar so ein rollendes Zuhause doch ist!

Leider hat Mr. Gordon uns nach diesen sieben Tagen wieder verlassen, wir uns von ihm verabschieden müssen. Aber das so ein Teil irgendwann mal richtig zu uns gehört, ist klar. Jetzt aber genug der Autoschwärmerei – tut mir Leid, ich finde Wohnmobile einfach mega – und weiter zum nächsten Schwarm: der Schweiz. 

Schweizer Überraschung

„So viel Wasser!“ haben wir mir immer und immer wieder bei unserem kleinen Roadtrip durch dieses kleine Land gesagt. Da denkt man, man hat eine Vorstellung vom eigenen Nachbarstaat und merkt dann ganz schnell, dass man quasi nichts über die Schweiz wusste. Wie bunt sie ist, wie abwechslungsreich, wie viele Seen es dort gibt, wie schön so manches Dorf, so manche Stadt ist, wie sehr die Kantone sich unterscheiden – landschaftlich, kulturell, sprachlich. 

Und dann ja noch die Schweizer an sich! Ich konnte ja nicht ahnen, dass meine Neuseeland-Freundin Laura mit ihrer umwerfenden Nettigkeit keine Ausnahme, sondern mehr die Regel ist. Wie herzlich wir begrüßt wurden, wie sehr wir angestrahlt wurden, mit welcher Freude man uns begegnet ist, wie offen wir empfangen wurden! Das habe ich bei meinen vielen Bergabenteuern bisher selten so erlebt. Und hat mich irgendwann zur Aussage bewegt „Wenn ich groß bin, möchte ich Schweizerin werden“. Ob das klappt – das mit dem groß werden wohl nicht mehr, das andere schauen wir mal – sei dahin gestellt. Dass ich mich seit dem Urlaub aber immer wieder an diese unfassbar netten Begegnungen zurück und mich damit selbst dran erinnere, die kleine Schweizerin in mir drin öfter mal raus zu lassen, das steht fest. 

Ansonsten war es wohl ein klassischer Dommi-Urlaub – und Lasse hat Gott sei Dank einfach mitgemacht. Wir waren wandern und bergsteigen, haben gelesen und relaxed, standen an Seeufern und Waldrändern, hatten Traumpanoramen und Monster-Ausblicke, waren laufen (Lasses erster Trailrun!) und essen, haben entdeckt und gestaunt, sind durch Städte gebummelt und haben es uns einfach mal so richtig gut gehen lassen. Die Handys wurden praktisch nur zum Fotografieren rausgeholt, der – warum auch immer – mitgenommene Rechner kein einziges Mal aufgeklappt. 

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Alte Liebe, neue Dommi

Alles wie immer also? Ganz normales Dommi-Programm? Nun irgendwie ja – aber irgendwie auch nicht. Eher Dommi 2.0-Programm. Denn es war wohl der erste Urlaub dieser Art, ohne vieles, was früher immer mitgereist ist: Alkohol, Dunkelheit, Müsste-Denken, ignorieren von Bedürfnissen, Schuldgefühlen, Minderwertigkeitsgedanken, Ablenkung. Ich habe geschafft das, was ich inzwischen im Alltag recht gut schaffe, auch mit in den Urlaub zu nehmen. 

Meine Struktur – ja, auch im Urlaub stand jeden Tag Morgenroutine an – war mit dabei. Genau so wie Selbstfürsorge, Ruhe und mein Antidepressiva. Gucken und spüren, was ich brauche, wonach mir ist. Das dann kommunizieren und glücklicherweise einen Mann an meiner Seite haben, der viele Bedürfnisse teilt, so einiges sehr ähnlich erlebt und empfindet, der Rücksicht nimmt. Dadurch haben wir es geschafft, dass wir trotz der Kürze des Urlaubs deutlich erholter zurück in den Alltag gestartet sind. Weil wir uns keinen Druck gemacht haben, weil wir auf uns gehört haben, weil wir auf unsere Körper und Köpfe geachtet haben. 

Früher wurde all das von mir übertönt. Ich hatte so zu sein, wie ich selber von mir erwartete auf Grund der Überzeugung, dass andere mich genau so erwarteten. Hatte offen, extrovertiert, entspannt, lustig und eine dauerhafte Partylöwin zu sein. Auch wenn wohl eigentlich eher Kuschelkatze vorm Kamin angesagt gewesen wäre. Das wurde aber plattgebügelt von meinem mich dauerhaft niedermachenden Kopf, dem ich bloß nicht zuhören wollte. Und war nur allzu dankbar wenn Mr. A. mir half, die Situation irgendwie in den Griff zu bekommen.

Ich weiß nicht, welche Version von mir dabei eine gute Zeit hatte. Am ehesten wohl meine drei kranken Begleiter, die Borderline, die Abhängigkeit und die Depression. Denn denen ging es ja gut, die hatten ihren Spaß. Heute finden die meine Urlaube, mein Reisen und wohl mein Leben generell nicht mehr annähernd so lustig. Dauernd müssen die in ihrem Zimmer bleiben. Bekommen ab und zu etwas liebevolle Zuwendung, womit sie gar nicht umgehen können und Mr. A. hat seit über einem Jahr niemand mehr zu Gesicht bekommen. 

Eine neue Art des Reisens

Damit will ich nicht sagen, dass meine bisherigen Reisen schlecht oder falsch waren. Ob Neuseeland oder Asien, Kroatien oder Schweden – auch hier waren viele tolle Momente dabei, habe ich atemberaubend schöne Landschaften gesehen, wunderbare Begegnungen gehabt und die Zeit und die Menschen um mich herum genossen. Nur der Beigeschmack war ein anderer. Leider oft eher bitter. Denn im Hintergrund hat immer etwas gelauert, etwas auf mich gewartet um mich zu sich in die Dunkelheit zu ziehen. Und so viel der Alkohol mir erst möglich gemacht hat, so sehr hat er sich auch eingemischt, fortgespült und zerstört.

Heute, nach Jahren der Fortschritte und Rückschläge, des Fehlermachens und draus lernens merke ich, wie auch das Reisen sich für mich verändert. Dass ich meine Reiselust, mein Fernweh inzwischen ebenso genießen kann wie das Laufen oder die Ruhe. 

Ich bin immer gerne gereist, war neugierig, wollte am liebsten die ganze Welt sehen. Aber während meiner „dunklen“ Jahre war da auch eine gute Portion Ablenkung, Weglaufen dabei. Zuhause dreht man sich ja doch immer in den selben Kreisen. Von dort wegzugehen bedeutet wenigstens, dass sich die Kreise mal ein wenig in der Farbe und der Form ändern. Neue Reize, mit denen sich das Gehirn dann doch bitte lieber beschäftigen soll als mit den immer gleichen Gedanken. 

Aber bei jeder Reise habe ich wieder gemerkt, dass das alles mitkommt. Das die Kreise vielleicht anders aussehen, sie aber am Ende immer wieder in die gleiche Dunkelheit führen. Seit ich diesem Teil von mir den Kampf angesagt, gelernt habe, ihm ins Gesicht zu schauen, hat er sich immer weiter in die Ecke verkrümelt, im Alltag kaum noch eine Rolle gespielt.

Anders sah das immer noch auf Reisen aus. Alte Unsicherheiten, Muster, Ängste kamen ganz schnell wieder. Haben die Chance und dass ich ohne meine gewohnte Umgebung, meine vertrauten Werkzeuge abgelenkt und verwundbar war, genutzt und mich gepackt. Was bedeutete, dass ich an den schönsten Orten der Welt sein und es trotzdem nicht genießen konnte. Weil ich nie richtig war, weil ich immer etwas falsch machte. Weil ich nie gut genug war, nicht den Erwartungen entsprach, die dieser Teil von mir hatte. 

Willkommen daheim

Im Urlaub konnten meine dunklen Begleiter also oft Fahrt aufnehmen, Anlauf holen. Was dazu führte dass, zurück im Alltag, sie mich überwältigt haben und direkt in eine Krise warfen. Unzufriedenheit mit allem – wieder zurück zu sein, wieder in den alten Kreisen, die Tage unterwegs nicht „idealst“ genutzt zu haben. Selbstvorwürfe, die zum Schweigen gebracht werden wollten. Woraufhin ich mich auf dem Weg ins Loch machte, um da irgendwie rauszukommen. 

Nun reise ich also anders, und so ist auch das nach-Hause-Kommen anders. Da ich viel mehr bei mir, viel mehr im Moment (ja, Achtsamkeit), wirklich anwesend bin, meine Sinne nicht durch eine flüssige Wand aus Alkohol verzerrt werden, können sich die Tage, Anblicke, Erlebnisse, Momente viel besser einprägen. Es zählt einfach nur der Ort, an dem ich gerade bin. Und so habe ich danach nicht mehr das Gefühl, etwas verpasst, sondern einfach schöne Erinnerungen gewonnen zu haben – die Mr. A. mir nicht wieder wegnehmen kann. 

Und wenn da nach einer Reise Gedanken und Gefühle von Wehmut, von Trennungsschmerz kommen, dann ist das auch ok. Denn eigentlich zeigt es nur, dass es eine tolle Zeit, ein toller Ort war den ich verlasse. Und dann bekommt auch diese Gedanken und Gefühle von mir Raum und Platz und Aufmerksamkeit. Werden gesehen, geteilt – woraufhin es ihnen gleich viel besser geht und sie aufhören zu brüllen und zu schreien. 

Und natürlich hilft es mir auch, dass es mittlerweile quasi immer etwas rund um meine Mission, rund um TtB gibt, auf dass ich mich freuen kann. Termine, Veranstaltungen, Treffen, Pläne, Ideen. Zu so etwas zurückkehren zu dürfen hat kaum noch etwas gemein mit dem, was früher alltäglich für mich war. 

Danke, Schweiz

So nehme ich aus diesem Urlaub also nicht nur mit, dass die Schweiz ein großartiges, wunderschönes Land ist in dem noch viele, viele Berge und Touren darauf warten, von mir entdeckt zu werden. Dass ich die Schweizer Freundlichkeit kennenlernen dürfte habe. Darin bestätigt worden bin, dass mein Traum nicht ein eigenes Haus, sondern ein eigenes Wohnmobil ist. Dass ich mal wieder gesehen habe, dass ich auch am Steuer eines 7-Meter langen Gefährtes eine gute Autofahrerin bin. Oder dass ich ein Händchen zu haben scheine für tolle Stellplätze, schöne Flecken Erde, wunderbare Touren und genau die richtige Hütte.

Sondern ich nehme auch mit, dass Reisen für mich auch nach unserer bisher vielleicht etwas komplizierten und teilweise vermurksten Beziehung wohl noch lange eine der besten Dinge bleiben wird, die man mit seiner Lebenszeit anstellen kann.