TtB – Traveling | the | Borderline

das normalsein psychischer krankheiten

Lesezeit: 5 minuten

Das Normalsein psychischer Krankheiten

Drei Fragen, ein Beitrag | Warum finden Fremde meine Blogidee so spannend? Warum bin ich froh, Dommi 2.0 entdeckt zu haben? Und wer von uns beiden ist hier eigentlich normal?[spacer height=“10px“]

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Du hast Borderline? Aber du bist doch so normal? Also, bis auf dass du komisch bist.

Mehr als einmal habe ich diese oder ähnliche Worte gehört. Gerade in den letzten Wochen, wenn ich über meine Pläne und Vorbereitungen rund um traveling | the | borderline gesprochen habe.

Das Bild, dass die Leute von mir haben, scheint nicht zu dem Bild zu passen, dass sie von Borderline haben. Wenn sie denn überhaupt eines haben.

Danke für euer Interesse!

Den Sommer über habe ich in Vorbereitung auf meine Selbstständigkeit einige Kurse an der Akademie der Bayerischen Presse belegt. Wenn ich dort erzählt habe, was für eine Art Seite ich plane und worum es darauf gehen soll, waren die anderen Teilnehmer immer sehr überrascht. Und interessiert. Sehr sogar.

Menschen, die weder mich kennen noch einen Bezug zum Thema Borderline haben, schenkten mir aufrichtiges Interesse. Mir wurde Mut attestiert, Respekt ausgesprochen und das Versprechen abgenommen mich zu melden, sobald die Seite online geht.

Woher diese Art der Unterstützung kommt? Höflichkeit? Spielt bestimmt auch eine Rolle. Aber eher eine untergeordnete. Ich glaube, da steckt mehr dahinter. Und zwar, dass die Leute neugierig sind, wie mein Auftreten und eine psychische Krankheit zusammen passen.

Ich bin keine in mich gekehrte, schwarz gekleidete und depriminiert aussehende Person. Eher das Gegenteil, würde ich sagen. Ich lache viel, bin offen, freundlich und kommunikativ. Jedenfalls in Gegenwart der meisten Menschen. Und wenn ich nicht gerade eine Zwölf-Stunden Schicht mit nerven raubenden Gästen habe. Meine Vermutung ist, dass dies nicht mit dem zusammen passt, was die Menschen erwarten, wenn sie Borderline hören. Und genau das weckt Neugierde. Dieser Gegensatz zwischen mir und dem Bild einer persönlichkeitsgestörten Person.

Wann hat man denn schon einmal die Möglichkeit, in den Kopf einer Gestörten zu schauen? Ich öffne mit meinem Blog mein Leben für alle. Ich möchte anderen einen Eindruck davon geben, wie es ist, mit einem Knacks im Kopf durch die Welt zu gehen. Und zeigen, dass wir uns in vielen Dingen gar nicht so sehr unterscheiden. Nur ist so manches bei mir einfach ein wenig stärker vorhanden, als bei dir.

Der Großteil von meinem Leid spielt sich nun mal in meinem Kopf ab. Was nicht heißt, dass es weniger schlimm ist als eine nicht mehr funktionierende Gliedmaße zu haben. Leb mal einen Tag mit meinem Gehirn zusammen. Ich wette nach ein paar Stunden tust du fast alles dafür, es gegen einen dreifachen Oberschenkelhalsbruch zu tauschen.

Mach dir dein eigenes Bild von dir

Lange Zeit habe ich so getan, als wäre ich ein heiles Mädchen. Als wäre alles gut. Besonders vor meiner Familie. Und in der Schule. Und in der Arbeit. Und im Studium. Ich wollte keine Fragen, keine Sorgen und keine Schubladen. Im Nachhinein erkenne ich so langsam, wie viel Kraft mich das jeden Tag aufs Neue gekostet hat.

Ganz ehrlich: am entspanntesten war mein Leben bisher während meiner stationären Therapie in Hamburg. Und zwar mit Abstand. Da waren eben alle „komisch“. Egal wie ich mich gerade gefühlt habe, ich konnte alles raus lassen. Ob es Trauer, Wut oder die reine Lebensfreude war. Und wenn es fünf Minuten später das Gegenteil war, hat sich keiner gewundert. Das war eine gute und für mich sehr wichtige Erfahrung. Ich werde nicht als Person im Ganzen abgelehnt, wenn ich mal nach meiner Nase tanze.

Und das Tollste ist, dass ich es geschafft habe, sozusagen die Light-Version dieser Erfahrung mit in meinen Alltag rüberzuziehen. Nicht die volle Bandbreite, dafür ist mein Über-Ich zu fleißig und tonangebend. Aber ich versuche nicht mehr etwas zu sein, was ich gar nicht bin. Wenn ich einen schlechten Tag habe, dann versuche ich nicht auf Teufel komm raus die Spaßkanone vom Dienst zu sein.

Seit ich offen mit meiner Krankheit umgehe – und das ist wahrlich noch nicht lange der Fall – ist mein Leben so viel leichter geworden. Ich zeige den Menschen nicht mehr die Dommi, von der ich denke, dass sie sie sehen wollen. Oder jedenfalls nur noch selten. Ich trage nicht mehr ein Bild von mir selber vor mir her, dass ich mir über Jahre aus Puzzleteilen irgendwie zusammengeflickt habe. Heute bin ich wohl eine echtere Dommi. Ich habe so manches Bild, diverse Annahmen und Urteile, die ich von und über mich selber hatte, einmal über den Haufen geworfen und mal nachgeschaut, was sich darunter die letzten Jahre so versteckt hat. Und da habe ich ein paar interessante Dinge gefunden.

Sich hinter sich selber verstecken

Selbstverständlich ist das Ganze aber überhaupt nicht. Viele andere Borderliner, die ich bisher getroffen habe, halten ihre Krankheit in irgendeiner Form geheim. Niemand auf der Arbeit soll etwas mitbekommen. Bloß keine seltsamen Blicke von der Seite, Getuschel auf dem Flur oder Gerüchte per E-Mail. Lieber heile Welt spielen. Ist einfacher.

Aber eben auch unfassbar Kräfte zehrend. Der Kampf gegen das eigene Ich. Ständig auf der Hut sein. Auch bei 35 Grad mit langen Ärmeln rumlaufen. Ausreden suchen müssen. Bloß nicht auffallen. Immer die richtige Antwort auf die falsche Frage haben. Jederzeit bereit, dem anderen zu zeigen, was er sehen möchte. Sich nur nach außen und an den anderen orientieren. Ihr Bild soll stimmen. Wie sehr man selber darunter leidet, merkt man erst, wenn man einmal erfahren hat, dass es auch anders gehen kann.

Ich hoffe, mit meiner Arbeit einen Teil dazu beitragen zu können, dass mehr Betroffenen offener mit ihrer Bordeline Persönlichkeitsstörung umgehen können. Dass mehr es schaffen, zu ihrer Krankheit stehen zu können. Und sich nicht mehr dafür schämen. Ein Krebspatient schämt sich schließlich auch nicht für seine Krankheit.

Jeder ist sich selbst der normalste

Toll dass unsere Gesellschaft so hart daran arbeitet, Tabus aus der Welt zu schaffen. Mittlerweile kann man über viele Dinge reden, die vor wenigen Jahren noch nicht einmal hinter verschlossenen Türen besprochen wurden. Aber psychische Krankheiten gehören definitv nicht dazu. Schade. Denn es gibt so viele Betroffene. So. Viele. Ich will gerade nicht Google befragen, aber gefühlt sage ich, dass die Hälfte aller Deutschen mindestens einmal in ihrem Leben mit psychischen Krankheiten zu tun haben. Direkt oder indirekt. Entweder es trifft dich, oder jemanden aus deinem Umfeld. Und diese Zahl steigere ich auf mutige 2/3 aller Menschen, wenn man die unentdeckten, versteckten und nicht diagnostizieten Fälle mit dazu zählt.

Das Leben der Betroffenen wird oft dadurch erst richtig schwer, dass sie sich über die Reaktionen anderer Gedanken machen müssen. Wenn man aus der Norm fällt, fällt man auf. Und auffallen ist nicht gern gesehen. Da kommt was, da passiert was, das man nicht kennt. Da steckt ganz simpel enorm viel Unsicherheit dahinter. Ein gebrochenes Bein kann man sehen. Wie es ist, einbeinig unter der Dusche balancieren zu müssen, damit der Gips nicht nass wird, kann man sich vorstellen. Aber wie sich eine Persönlichkeitsstörung anfühlt? Das ist einfach schwer zu greifen. Es fällt ja auch bei gesunden Menschen manchmal schwer nachzuvollziehen, warum sie so handeln und denken, wie sie es tun. Dann beschäftigt man sich lieber gar nicht erst mit den richtig harten Nüssen. Ablehnung ist da definitiv die einfachere Möglichkeit.

Bei der Recherche zu meiner Bachelor-Arbeit habe ich so einiges zum Thema Stigmatisierung psychischer Krankheiten gelesen und gelernt. Vieles ist schwer zu untersuchen, aber klar ist: die beste Waffe gegen Stigmatisierung ist Wissensvermittlung. Je mehr eine Person über Borderline, Depressionen und Co weiß, desto gesünder ist der Umgang mit Betroffenen.

Ja, ich habe Borderline. Ja, mein Leben ist jeden Tag eine Achterbahnfahrt. Oft bin ich meinem eigenen Innenleben hilflos ausgeliefert. Ich habe beschissene Tage. Aber auch richtig gute. Und viel irgendwo dazwischen. So wie du auch. Und ja, man kann mit mir Spaß haben. Ins Kino gehen, mit mir zusammenarbeiten, frühstücken oder auf den Berg gehen. Ohne dass ich Amok laufe, rumschreie oder was kaputt mache. Ich bin so normal wie jeder andere, nur sind meine Macken vielleicht ein bisschen ausgeprägter.

Also, fragt mich. Über mein Kranksein, über mein Normlsein. Fragt euch gegenseitig. Fragt euch selber. Denn zum Glück ist Normalsein ja auch nur so ein Begriff – wie Schönheit. Liegt im Auge des Betrachters.

 

 

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