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BPD Symptome erklärt | N°9

BPD Symptome erklärt | N°9

Lesezeit: 7 minuten

Last but not least Symptom: Paranoia und Dissoziation. Hier erwartet euch vielleicht nicht ganz, was ihr erwartet.

Mittendrin und doch allein. Und vor allem so beobachtet | paranoide Vorstellungen wie diese sind Alltag für viele Borderliner

Mittendrin und doch allein. Und vor allem so beobachtet | paranoide Vorstellungen wie diese sind Alltag für viele Borderliner

Was gucken die denn alle so?“ – „Wer?“ – „Na, alle!“

 

In der Reihe BPD Symptome erklärt möchte ich euch nach und nach anhand der „offiziellen Kriterien“ des DSM die Symptome der Borderline Persönlichkeitsstörung vorstellen. Wie bei allen Beiträgen auf meiner Seite gilt: hier geht es um meine Welt, um meine Erfahrungen, um meine Ansichten. Wenn ihr Ergänzungen habt, könnt ihr diese gerne per Mail oder in den Kommentaren mit mir und allen Lesern teilen. Einen Überblick über die Symptome findest du im Grundkurs Borderline. Heute geht es zu Kriterium N°9:

vorübergehend paranoide Vorstellungen oder

dissoziative Gefühle wie Selbstentfremdung infolge von Belastungssituationen

Das 9. und damit letzte Symptom auf der „offiziellen“ Diagnose-Liste ist mal wieder eines, was mich (zum Glück) nur so halb trifft. Die paranoiden Vorstellungen kenne ich sehr gut. Dissoziative Gefühle dagegen kaum. Was genau darunter jeweils zu verstehen ist und wie ich die Dinge erlebe, lest ihr nun hier.

Paranoia wer?

Paranoia – was ein schweres und hartes Wort. Beim ersten Mal überfliegen der klassischen Symptomauflistung habe ich diesen Punkt geradezu überlesen. Ich bin doch nicht paranoid. Ha! Denkste. Denn gerade in Bezug auf Borderline hatte ich ein ziemlich falsches Bild der Sache.

Unter Paranoia habe ich verstanden, die eigene Wohnung nicht mehr zu verlassen aus Angst vor Menschen, Aliens, Bakterien oder Strahlung. Oder sich alle zwei Schritte aus Angst vor Verfolgung umzudrehen. Und so weiter. Das stimmt zwar irgendwie auch alles, bzw. kann stimmen. Aber paranoide Vorstellungen können auch viel „kleiner“ ausfallen.

Wikipedia drückt es so aus: Die Betroffenen leiden an einer verzerrten Wahrnehmung ihrer Umgebung in Richtung auf eine feindselige (im Extrem bösartig verfolgende) Haltung ihrer Person gegenüber.

Und das trifft es dann schon besser. Auch wenn es sich bei Borderlinern meist „nur“ um paranoide Vorstellungen und keine ausgewachsene Paranoia handelt, kann dieses Symptom einem das Leben ganz schön schwer machen. Bei mir – und auch bei vielen anderen Betroffenen – äußert sich das so, dass man einfach ständig denkt, alle um einen herum beobachten einen. Sprechen über einen. Machen sich lustig. Lästern. Ob die Kommilitonen im Hörsaal, die besten Freunde wenn man vom Klo kommt oder Fremde auf der Straße, die einem „so einen komischen Blick“ zuwerfen.

Mein Erleben des Symptoms in einem Absatz: Alle beobachten mich. – Alle sind gegen mich.Keiner mag mich wirklich. Das sind wahrscheinlich drei der zentralsten Gedanken, die meine paranoiden Vorstellungen angeführt haben. Und die beiden zentralen Strategien im Umgang mit diesen Gedanken sind 1. Sich zu verstellen, keinem zeigen, wer man wirklich ist, dann haben sie nichts gegen mich in der Hand. und 2. Niemandem vertrauen, keinem zu nahe kommen, lieber alleine bleiben – sonst wird man nur enttäuscht, verletzt, vorgeführt oder alles zusammen.

Scheinwerfer an!

Als hätte man einen riesigen Scheinwerfer über sich, der einen permanent in strahlen helles Licht taucht. Und dazu steht man noch auf einem Podest. Damit auch wirklich ALLE einen sehen können. So hat es sich für mich lange angefühlt, durchs Leben zu gehen.

Dieses ständige Gefühl des Beobachtet-Werdens, das einen durch den Alltag begleitet und nicht loslässt, ist enorm belastend. Es verursacht einen hohen Druck, keine Angriffsfläche zu bieten. Bloß keine Fehler. Keine Mängel. Keine Ausrutscher. Sonst ist man das Gespött aller. Noch mehr als man es sowieso schon ist.

Ich hab mich in der Gegenwart von anderen Menschen nie „frei“ gefühlt – sondern immer befangen. Nie entspannt sondern immer auf der Hut. Dieser Stress hat bei mir dazu geführt, dass ich mich einfach lieber von anderen Menschen fern gehalten habe. Für mich alleine geblieben bin. Während meines Studiums zum Beispiel nicht in die Mensa gegangen bin – sondern allein im Englischen Garten Pause gemacht habe. Im Hörsaal immer ganz hinten saß. Abstand herstellen. Denn dann fällt dieser ganze Druck zwar auch an, aber geringer. Entfernter. Situationen, die für andere normal sind, lösen bei mir Anspannung und Hochstress aus.

In Gesellschaft anderer verstellt man sich oft, um sich den Vorstellungen, die man über die Vorstellungen der anderen hat, anpassen zu können. Um das Gerede und Geläster möglichst klein halten zu können. Das ist anstrengend, aber eine wirkliche Alternative gibt es nicht. Und für jemanden, der sowieso ein sehr instabiles Selbstbild hat, macht dies das Leben natürlich nicht einfacher.

Freund und Feind

Wer jetzt denkt, dieses Symptom beschränkt sich nur auf Fremde, Zufallsbegegnungen oder entfernte Bekannte, den muss ich leider enttäuschen. Wie oben schon angedeutet gelten die gleichen Regel auch für die Familie, die Kollegen und auch die engsten Freunde. Niemand ist vor den paranoiden Gedanken eines Borderliners sicher.

Und genau das macht jede Art von Beziehung zu einem Betroffenen auch oft so schwer, oder so anstrengend. Wie soll man ein Vertrauensverhältnis aufbauen wenn eine der beiden Parteien ständig an den Grundlagen der Beziehung zweifelt.

Auch die nettesten, liebsten und best gemeinten Worte habe ich umdeuten können – oder tue es heute noch ab und zu. Automatisch. Bis sich meine Ratio einschaltet und versucht, die Sache zu beenden.

Bestimmt spielt diese ganze Geschichte auch bei dem mir unbekannte Zugehörigkeitsgefühl aus Borderline goes München eine Rolle – so wie sich die einzelnen Symptome an vielen Stellen mischen und zusammenarbeiten. Wer seiner Umwelt unterschwellig immer böse Absichten und einen doppelten Boden unterstellt, dem wird es schwer gelingen, sich einfach mal irgendwo aufgenommen, angenommen und entspannt zu fühlen.

Dissoziationen

„Richtige“ Dissoziationen kenne ich zum Glück nur von anderen Betroffenen. Auch wenn ich also (leider) nicht aus eigener Erfahrung berichten kann, möchte ich das Thema trotzdem kurz behandeln.

Auch hier greife ich zum besseren Verständnis auf wikipedia zurück. Dort heißt es Der Begriff Dissoziation beschreibt in der Psychologie die Trennung von Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten, welche normalerweise assoziiert sind. Hierdurch kann die integrative Funktion des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung und der Identität beeinträchtigt werden. und weiter Bei Dissoziationen handelt es sich um eine vielgestaltige Störung, bei der es zu einem teilweisen oder völligen Verlust von psychischen Funktionen wie des Erinnerungsvermögens, eigener Gefühle oder Empfindungen (Schmerz, Angst, Hunger, Durst, …), der Wahrnehmung der eigenen Person und/oder der Umgebung sowie der Kontrolle von Körperbewegungen kommt. Der Verlust dieser Fähigkeiten kann von Stunde zu Stunde unterschiedlich ausgeprägt sein.

Aus der Klinik und Büchern kenne ich Betroffene, die regelmäßig dissoziieren, sich dann nicht an Minuten, Situationen, Erlebnisse oder Begegnungen erinnern können. Nach außen hin sind diese dissoziativen Zustände schwer zu erkennen. Das gelingt oft nur Profis und auch nur wenn sie den Betroffenen schon lange kennen oder intensiv mit ihm gearbeitet haben. Mehr zum Thema Dissoziation und Borderline findet ihr zum Beispiel bei der borderline-plattform oder hier.

Meine Besserung

Mir hat erstmal wieder sehr gut getan, als ich nach meiner Diagnose in Büchern gelesen und in Hamburg gelernt habe, dass viele andere Betroffene das Gefühl des ständigen Beobachtet-Seins kennen. Wissen, wovon ich spreche.

Inzwischen habe ich verstanden, dass die meisten Menschen die meiste Zeit einfach so sehr mit sich selber beschäftigt sind, dass sie weder Zeit noch Energie noch Interesse an meiner Person haben. Es gibt keinen Scheinwerfer und auch kein Podest. (Hier war ein wichtiger Moment für mich, als ich gegen Ende meines Studiums zum ersten Mal mit einer bestimmten Kommilitonin gesprochen habe und ich mir sicher war, sie würde mich kennen und so etwas sagen „du sitzt doch immer da hinten oben, ganz links“ und sich dann herausstellte, dass sie überhaupt nicht wusste, dass ich seit fast drei Jahren mit ihr studierte. Für andere wäre dies vielleicht ein trauriger, enttäuschender oder schmerzhafter Moment gewesen. Für mich war er aber irgendwie sehr erleichternd und befreiend.)

Das war deswegen vielleicht am Anfang schwer zu verstehen, weil ich – ob das jetzt typisch Borderline ist oder einfach ich bin, weiß ich nicht – extrem offene Sinne habe. Meine Antennen stehen immer auf vollen Empfang, ich bekomme mehr von meiner Umwelt mit, als die „normalen“ um mich rum. Und lange dachte ich, jeder Mensch ist so.

Ich habe es inzwischen geschafft, entspannter mit mir und damit, wie mich andere wahrnehmen, umzugehen. Gelernt, dass die Welt nicht gleich untergeht wenn jemand über mich redet.

Auch heute noch können mich schräge Blicke in der Bahn (vielleicht sogar plus Getuschel), zweideutige Kommentare in der Arbeit oder von Freunden sehr schnell sehr unsicher werden lassen. Dann springt alles alte wieder an – „die mögen dich eigentlich gar nicht“. Manchmal kann ich das schnell wieder abschütteln, machmal bleibt es ein bisschen an mir kleben. Das Wichtige aber ist: die paranoiden Vorstellungen haben keinen so großen Einfluss mehr auf mein Leben, mein Verhalten – so wie sie es über viele Jahre hatten. (Alleine in ein Yoga-Studio auf Bali gehen, in dem ich noch nie war, in dem ich niemanden kenne? Wäre früher unmöglich gewesen! Aber genau das habe ich vor wenigen Wochen getan!)

Nach wie vor finde ich es unangenehm, wenn ich unfreiwillig in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerate – weil ich etwas peinliches gemacht oder das falsche gesagt habe. Und nach wie vor kämpfe und hadere ich mit solchen Situationen vermutlich stärker als andere. Manchmal auch noch eine Woche, zwei Monate oder drei Jahre später. Aber zu einem gewissen Teil habe ich wohl akzeptiert, dass ich das das nie ganz abstellen können werde.

Ein wirkliches, 100-Prozentiges Vertrauen in eine andere Person, in eine Freundschaft oder Beziehung werde ich vielleicht nie erreichen können. Es werden immer die Verzerrung ins Feindselige, die Zweifel und nagenden Stimmen in meinem Kopf bleiben. Aber heute sind da auch andere Stimmen und Erklärungen, die mir dabei helfen, mich nicht mehr so davon beeinflussen zu lassen.

Was hilft?

Angehörige können mal wieder vor allem durch helfen, dass sie dem Betroffenen Rückmeldung zu seiner Wahrnehmung geben. Eine zweite Sicht aufzeigen, alternative Interpretationen der Situation liefern und dem Borderliner so zeigen, dass seine (paranoide) Wahrnehmung nur eine mögliche Variante ist.

Mit Worten zu beteuern, dass man den Betroffenen wirklich mag/liebt/schätzt bringt aus meiner persönlichen Erfahrung nur bedingt etwas. Die Zweifel bleiben. Natürlich kann man versuchen, durch seine Worte und Taten die Zweifel im Borderline-Kopf nicht noch weiter anzufachen, aber das darf nur so weit gehen dass der Angehörige sich nicht selber einschränken muss.

Rücksicht darf und sollte da sein. Aber ich kann jedem Angehörigen nur raten, sich nicht aus Angst oder Umsicht anders zu verhalten – auch das schafft der Borderline-Kopf im Zweifelsfalle nur zu seinen Zwecken zu deuten.

Den Betroffenen will ich sagen – dieser Punkt ist bei mir nach Therapiebeginn mit am schnellsten besser geworden. Der wichtigste Schritt ist wohl wieder, sich die Mechanismen überhaupt mal bewusst zu machen. Damit man dann etwas hat, an dem und mit dem man arbeiten kann.

In diesem Falle „Mein Kopf verzerrt die Realität und meine Beobachtungen oft ganz schön ins unrealistische und negative – und immer zu meinen Ungunsten.“

So, und jetzt geh ich raus aus euren Köpfen.