TtB – Traveling | the | Borderline

BPD Symptome erklärt | N°8

BPD Symptome erklärt | N°8

Im wahrsten Sinne aus heiterem Himmel kann die Wut kommen.Lesezeit: 8 minuten

Das vorletzte Symptom auf der Liste ist die Wut. Und zwar eine Wut, die häufig viel zu heftig ist, plötzlich kommt und sich schwer zügeln lässt. Aber sie nicht rauszulassen, ist auch keine Lösung – denn dann sammelt sie sich im Inneren an. Eine Gratwanderung.

Im wahrsten Sinne aus heiterem Himmel kann die Wut kommen.

Im wahrsten Sinne aus heiterem Himmel kann die Wut kommen.

„Könntest du mir mal bitte …“ – „HALT’s MAUL! DU KANNST MICH MAL!!!“

 

In der Reihe BPD Symptome erklärt möchte ich euch nach und nach anhand der „offiziellen Kriterien“ des DSM die Symptome der Borderline Persönlichkeitsstörung vorstellen. Wie bei allen Beiträgen auf meiner Seite gilt: hier geht es um meine Welt, um meine Erfahrungen, um meine Ansichten. Wenn ihr Ergänzungen habt, könnt ihr diese gerne per Mail oder in den Kommentaren mit mir und allen Lesern teilen. Einen Überblick über die Symptome findest du im Grundkurs Borderline. Heute geht es zu Kriterium N°8:

unangemessene, sehr heftige Wut oder

Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren

Da ist sie wieder – die Wut. Als alte Bekannte und stetige Begleiterin von mir hat sie sich schon in diverse andere Artikel geschlichen. Vor allem bei Symptom N°2 hat sie sich schon ordentlich eingemischt, sie hat ein inniges Verhältnis zur Anspannung und von der Achterbahn aus Symptom N°6 ist sie offensichtlich großer Fan. Jetzt also bekommt sie endlich ihren eigenen Text.

Wann kommt die Wut?

Wut ist definitiv ein zentrales Thema in meinem Alltag, meinem Leben. Und zu sagen, wann sie kommt ist schwer bis unmöglich. Es passiert wirklich von einem Moment auf den anderen – wie mit allen Gefühlen und Emotionen auf der Achterbahn. Gerade noch war alles schön und happy, und plötzlich scheine ich wie ausgewechselt, habe einen riesigen Knäuel aus Hass, Verachtung, Ärger und Wut in mir, der die Kontrolle übernimmt und mich wie eine Puppe benutzt. Ich denke und sage Sachen, die ich selber nicht glauben kann.

Was danach folgt ist die übliche Scham, Selbstvorwürfe und Co. Was ist da denn gerade schon wieder mit mir passiert? Und warum hab ich nichts dagegen getan? Ich bin ein schlimmer Mensch und niemand sollte in meiner Nähe sein! Und so fort.

Das ist jedenfalls die eine Variante. Dass ich die Wut, in dem Moment, in dem sie über mich kommt, rauslasse. Das ist meistens nicht sehr schön für mich und meine Umgebung (meistens Arvid), aber die Sache ist insgesamt dann doch recht schnell wieder vorbei.

Die zweite Variante ist allerdings die, mit der ich eigentlich mehr Erfahrung habe. Und bei dieser Variante darf die Wut nicht raus. Äußerlich merkt man mir kaum etwas an. Aber in mir drin kocht und tobt und schreit es. Dass ich mit dieser Variante sehr viel vertrauter bin als mit dem Rauslassen, hat hauptsächlich zwei Gründe:

  1. Meine Ratio. Mein Verstand. Meine Erziehung. Mein Über-Ich. Mein pausenloser Kopf – egal, wie ich es nenne, was bei raus kommt kommt aufs gleiche raus: ich bin mir durchaus bewusst, dass es Situationen, Orte, Umgebungen und Momente gibt, in denen es einfach nicht angebracht ist, auszuflippen. Rumzupöbeln. Laut zu werden. Unfreundliche Dinge zu sagen. Bei anderen Betroffenen ist das nicht so und durch ihr Verhalten schießen sie sich so immer wieder ins Aus. Bei mir hat das Nicht-Rauslassen andere Konsequenzen, wie ihr gleich lesen werdet.
  2. Vor meiner Diagnose – und zum Teil auch jetzt noch – wollte ich einfach nicht, dass jemand etwas merkt. Merkt, dass ich „komisch“ bin. Merkt, dass ich „verrückt“ bin. Merkt, dass es es mir nicht gut geht. Ich wollte mit allen Mitteln vermeiden, dass mir jemand Fragen stellt. Fragen zu mir. Und unbegründete Wutausbrüche oder ähnliche wut-motivierte Verhaltensweisen hätten definitv zu Fragen geführt.

Nicht rauslassen…

… ist auch keine Lösung. Denn nur weil ich die Wut nicht zeige, heißt es nicht, dass sie nicht da ist. Und vor allem nicht einfach so verschwindet. Nein, ganz im Gegenteil. Die Nicht-Beachtung macht die Wut nur noch größer. Die Wut wird noch wütender. Und kommt dann in einem Moment wieder raus, in dem meine Abwehr unten ist.

Wie es aussieht, wenn ich schreie oder laut werde oder schimpfe kann man sich wahrscheinlich leicht vorstellen. Aber wie es sich anfühlt, diesen riesigen schwarzen Klumpen in mir drin zu halten – da wird es schon schwerer. Wenn der ganze Körper tobt und pocht und platzen möchte, man aber weiter ruhig aussieht. Wenn Hirn und Geist Worte formen, mit krassen Gedanken um sich schmeißen. Wenn die Gefühle und Emotionen wie eine Horde hungriger Kampfhunde aus dem Fassaden-Gefängnis raus möchten. Wenn das Herz so wild schlägt, dass sich das Blut anfühlt als wäre es aus Blei, weil man es überall spüren kann und man jeden einzelnen Pulsschlag merkt.

Und sich dann nichts anmerken lässt.

Lange lief das bei mir so. Ich habe die Wut heruntergeschluckt. Immer und immer wieder geschluckt. Bloß nicht rauslassen. Bloß nicht zeigen. Bloß nicht auffallen. Bloß keine Fragen. Das Ergebnis gleicht dann einem Kochtopf. Je mehr Wut, desto voller wird der Topf. Je öfter ich die Wut einsperre, desto heißer wird die Platte. Bis der Topf irgendwann zu klein wird und die Wut sich ihren Weg bahnt. Das war dann oft der Moment an dem die Selbstverletzung oder andere selbstschädigende Verhaltensweisen die Bühne betreten.

Dann richte ich alle Wut, die ich eigentlich mal auf andere hatte, gegen mich selbst. Statt anderen böse Worte an den Kopf zu werfen mach ich mich selbst kaputt. Und leider hilft bzw. funktioniert das mal wieder verflucht gut. Das Loch war da. Der Topf ist wieder leer. Das Spiel kann von vorne los gehen.

Wirklich Wut?

Ach ja, ihr fragt euch bestimmt noch: Wut auf was? Auf mich, auf andere, auf das Leben, auf eine Kleinigkeit, auf ein Wort, auf einen Satz, auf einen Blick, auf ein Ereignis, auf Nichts. Da gibt es kein Rezept. Oder anders gesagt: nichts, wirklich gar nichts, ist sicher vor der Wut. Nicht mal „nichts“ ist sicher vor der Wut. Denn oft ist genau das der Auslöser. Nichts. Nichts bestimmtes. Nichts greifbares. Nichts objektives. Sondern sie ist einfach da.

Aber so ganz stimmt das wohl nicht. Denn wie ich inzwischen gelernt habe, ist die Wut bei mir und vielen anderen Borderline-Betroffenen eigentlich ein Folgegefühl.

Folgegefühle sind eine vertrackte Sache, da sie so gut darin sind, den eigentlichen Ursprung zu verbergen. Die Wut legt sich gerne über ihre Gefühlskollegen. Besonders oft über Trauer, Unsicherheit, Ängste, Schmerz und ähnliche Kumpanen. Denn all diese Gefühle sind (für Borderliner) noch weitaus unangenehmer als Wut. Mit Wut kann man umgehen. Wut kann man rausschreien. Für Wut kann man Worte finden.

Sich mit den eigentlichen Gefühlen zu beschäftigen, ist da noch weitaus unangenehmer. Also passiert es zum Beispiel, dass ich Arvid anschreie wenn ich eigentlich gerade ängstlich, traurig oder verletzt bin. Das zu erkennen Bedarf viel Übung und hilft in dem Moment direkt nicht viel weiter.

Was man aber tun kann, ist, sich nach einem Wutausbruch zu fragen, ob es einen Grund für die Wut gab oder ob dahinter vielleicht was anderes steht. So lernt man sich und seine Mechanismen nach und nach besser kennen und kann an wunden Punkten arbeiten, die lange einfach mit Wut übergepinselt wurden.

Für Betroffene und ihre Angehörigen ist es daher enorm wichtig zu versuchen, hinter die Wut zu schauen.

Mein Wut-Weg

Die Wut steht im Weg – aber je mehr ich mich über sie ärgere, desto mehr freut sie sich. Was tun also? Ich kann versuchen, sie immer wieder an die Hand zu nehmen und zurück in ihr Zimmer zu bringen. Und die Tür zu machen. Abschließen geht nicht. Den Schlüssel hab ich weggeworfen. Denn eine Zeit lang hab ich es ja genau damit probiert: sobald die Wut da war, hab ich sie in ihr Zimmer geschickt. Türe zu. Schlüssel rum damit draußen Ruhe ist. Aber damit war die Wut ja nicht weg. Sie hat sich in ihr Zimmer gesetzt und geschmollt. Und heimlich Einladungen an ihre Freunde geschickt.

So stand ganz bald zwar nicht die gleiche Wut, aber eine sehr ähnliche bei mir vor der Tür.  Ich konnte das nicht unterscheiden, Für mich stand meine Wut also bald wieder da, überraschend und unerwartet. Dieses Spiel wiederholt sich dann ein paar Mal. Bis das Zimmer irgendwann zu voll wird und die Wut-Bagage eine spontane, unerlaubte Party veranstaltet und mich ins Loch schickt.

Was Meditation, Selbstfürsorge und Co erreichen können ist, dass die Wut nicht mehr so oft aus ihrem Zimmer kommen möchte.  Ich richte der Wut das Zimmer quasi schön ein, damit sie gar nicht mehr raus kommen will. Besonders, wenn draußen so fleißige Türsteher-Gesellen wie Gelassenheit und Achtsamkeit warten. Da wollen dann auch die Wut-Freunde irgendwann nicht mehr vorbei kommen.

Meine Wut hat sich also inzwischen verändert. Sie ist quasi erwachsen geworden. Lange Zeit gab es für die Wut nur einen Weg – nach innen. Und dann durch selbstschädigendes Verhalten wieder raus. Das passiert auch heute noch, aber nur noch 4 Mal im Jahr statt 4 Mal in der Woche.

Zum Einen habe ich heute andere, bessere, wirksamere, gesundere Wege, um angestaute Wut abzubauen. Vor allem Sport. Und Schreiben. Und zum Anderen hat mir besonders die Achtsamkeit dabei geholfen, nicht mehr ein ganz so hilfloses Opfer für die Wutausbrüche zu sein wie früher.

Heute gelingt es mir öfter, einen Schritt zurück zu treten. Quasi von außen zu beobachten, was mit mir los ist. Ich kann Abstand von meinen Gefühlen nehmen und so sehen, dass ich eine Wahl habe.

Ich bewerte heute wesentlich weniger als früher. Auch eine Folge von Achtsamkeit und Meditation. Denn „Die Bewertung ist der Weg ins Gefühl“. Wenn ich denke, der Mensch vor mir geht viel zu langsam. Und bestimmt macht er das um mich zu ärgern. Und schon ist da ein negatives Gefühl. Objektiv betrachtet geht der Mensch vor mir langsam. Und dann habe ich die Wahl, mich darüber zu ärgern, ihn zu überholen, oder selber auch langsamer zu gehen.

Diese Wahlfreiheit ist ein großes Geschenk und hart erarbeitet. Und hat mein Leben enorm erleichtert.

Borderline-Wut oder normale Wut?

An dieser Stelle hab ich auch das Gefühl, nochmal eine „Warnung“ aussprechen zu müssen. Und zwar eine Warnung davor, dass nach einer Borderline-Diagnose jedes Gefühl und jedes Wort auf die Störungs-Waage gelegt werden. Borderliner sind auch – und vor allem in erster Linie – nur Menschen. Die auch wütend sein dürfen.

Wenn jemand ungerecht zu mir ist, mich angreift oder es sonst einen Grund gibt, wütend zu werden, dann darf ich das auch. Ohne gleich Angst vor der Borderline haben zu müssen. Wie jeder andere kann ich mich über meine Mitmenschen ärgern oder über sie schimpfen.

Der Unterschied zur Borderline-Wut ist, dass es bei der „normalen Wut“ einen Grund gibt, so wütend zu sein. Und zwar einen objektiven Grund, den die meisten anderen Menschen nachvollziehen können. Ganz anders bei der Borderline-Wut. Oft findet sich hier zwar ein (fadenscheiniger) Grund, aber warum genau man in dem Moment so unglaublich wütend ist, kann man eigentlich gar nicht erklären. Neben dieser Grundlosigkeit sind vor allem Unangemessenheit in Zeitpunkt und Heftigkeit Merkmale der Borderline-Wut.

Was tun? | Angehörige

Bei Wut-Variante 1, wenn sie raus darf, ist das Blödeste, dass sie für mich als Betroffene oft genau so schnell geht wie sie gekommen ist – ein altbekanntes Problem bei der Borderline Persönlichkeitsstörung: Ich bin schon wieder fünf Gefühls- und Gedankenwelten weiter während mein Gegenüber immer noch versucht zu verdauen, was ich ihm da gerade an den Kopf geworfen oder geäußert habe.

Das heißt für die Angehörigen mal wieder: Ruhe bewahren. Wenn irgendwie möglich. Lasst euer kleines Rumpelstilzchen eine, zwei oder auch fünf Minuten toben. Setzt euch imaginäre Schallschutzkopfhörer auf, denkt an einen lustigen Film oder ruft euch Momente in den Kopf, wenn es schön und entspannt war mit eurem Borderliner. Versucht, hinter die Wutfassade der Krankheit zu sehen und den Menschen zu suchen, der euch wichtig ist. Lasst euch nicht mitreißen vom schwarzen Strom – wahrscheinlich wisst ihr besser als jeder andere, dass euer Boot in wenigen Minuten wieder in ruhigen Gewässern sein wird.

Wenn die Wut sich aber erst gar nicht nach außen zeigt, dann könnt ihr als Angehöriger erstmal wenig tun. Was ihr in Zusammenarbeit mit eurem Borderliner probieren könnt, ist, nach einem Ausbruch der eingesperrten Wut den Weg zurückzugehen, Situationen durchzusprechen, Missverständnisse zu klären und so weiter.

Was tun? | Betroffene

Den Betroffenen möchte ich vor allem zwei Dinge raten:

  1. Senkt eure Grundanspannung, denn dann kann die Wut auch seltener durchbrechen. Ich weiß, einfach mal die Grundanspannung senken ist nicht drin – aber durch eine gute Therapie, Meditation, Achtsamkeit und einer Portion Selbstfürsorge könnt ihr viel bewegen und erreichen. Ich werde und kann euch nicht versprechen, dass ihr die Wut los werdet. Bei mir hängen all diese Dinge sowie Anspannung und Wut sehr eng zusammen. Aber ich habe für mich und bei mir festgestellt, dass die Wut mich nicht mehr so oft mitreißen kann wie früher.
  2. Keine Entscheidungen, Nachrichten, Käufe oder sonstige, nur schwer zurücknehmbare Dinge tun. Wenn die Wut neben dir steht oder sitzt oder geht, dann akzeptier das in dem Moment. Und sei dir klar, dass du gerade nicht du selbst bist. Sondern unter dem Einfluss von ihr stehst. Die Wut möchte ziemlich viel Aufmerksamkeit – wenn du sie also akzeptierst und so gut es geht ignorierst, wird ihr schnell langweilig und sie verschwindet wieder.

Ziele einer Behandlung müssen sein

  • andere Ventile für die angestaute Wut finden – Skills statt Selbstschädigung
  • mit professioneller Hilfe ergründen, welche Gefühle sich hinter der Wut verbergen
  • durch Achtsamkeit lernen, der Wut nicht mehr so einfach die Kontrolle zu überlassen

Auf borderlinepersonalitytreatment haben sie noch ein paar weitere Tipps zusammengestellt, wie man als Betroffener mit der Wut umgehen kann.

So, liebe Wut. Ich hoffe du bist zufrieden mit deinem Artikel. Und jetzt geh in dein Zimmer.