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BPD Symptome erklärt | N°5

ErleichterungLesezeit: 7 minuten

BPD Symptome erklärt | N°5 [spacer height=“20px“]

Das nächste Symptom ist an der Reihe. Diesmal geht es um Selbstverletzung. Heißt in meinem Fall: Ritzen. Hierzu haben Außenstehende oft die meisten Fragen. Und den schwersten Zugang. *triggerwarning* 

Erleichterung

Danke dir, Blut! War schön dich zu sehen.

 

In der Reihe BPD Symptome erklärt möchte ich euch nach und nach anhand der „offiziellen Kriterien“ des DSM die Symptome der Borderline Persönlichkeitsstörung vorstellen. Wie bei allen Beiträgen auf meiner Seite gilt: hier geht es um meine Welt, um meine Erfahrungen, um meine Ansichten. Wenn ihr Ergänzungen habt, könnt ihr diese gerne per Mail oder in den Kommentaren mit mir und allen Lesern teilen. Einen Überblick über die Symptome findest du im Grundkurs Borderline. Heute also geht es zu Kriterium N°5:

Selbstverletzungen, Selbstmordversuche oder Androhen von Selbstmord

Aus den oben genannten Gründen werde ich auch zwei Drittel des „offiziellen“ Symptoms nur am Rande ansprechen. Denn ich habe weder einen Selbstmordversuch hinter mir. Noch habe ich jemals eine Androhung von Selbstmord ausgesprochen. Die Gedanken waren eine Zeit lang da. Aber es gab viel zu viele Gründe, die mich abgehalten haben, so dass es nie in die Richtung einer konkreten Planung ging.

Auch bedeutet Selbstverletzung in diesem Artikel immer Ritzen. Ganz einfach deswegen, weil ich nur darüber aus persönlicher Erfahrung sprechen kann. Andere Arten der Selbstverletzung sind beispielsweise Verbrennen, Verätzen oder scharfe Dinge schlucken.

Warum das Ritzen so viel Aufmerksamkeit und auch so viel Bedeutung zugeteilt bekommt, hat meiner Meinung nach den einfachen Grund, dass man es von außen sehen kann. Im Gegensatz zu den Sachen, die sich nur in den Köpfen von uns Betroffenen abspielen.

Erstmal: Irrtümer aus dem Weg!

Und derer gibt es viele. Gerade beim Thema Selbstverletzendes Verhalten (SVV). Also weg mit den Irrtümern und her mit den Fakten:

  • Jeder Borderliner ritzt sich

Wie ich schon im Grundkurs Borderline geschrieben habe: nicht jeder Borderliner ritzt sich. Und nicht jeder, der sich ritzt – ist Borderliner. Dies ist eine sehr häufige und leider auch sehr falsche Annahme. Sowohl von Außenstehenden, als auch Betroffenen. Und leider auch immer wieder bei medizinischem Personal.

SVV ist keine Voraussetzung für die Diagnose Borderline Persönlichkeitsstörung.

  • Je schwerer das SVV desto schlimmer die Krankheit

Auch eine sehr verbreitete und leider genau so falsche Annahme. Sätze wie „Wow, dein Arm sieht ja krass aus. Du bist also echt ein heftiger Fall!“ sind einfach nur Schwachsinn. Und trotzdem hört man sie leider inner- wie außerhalb von Kliniken.

Jeder Betroffene ist anders. Jeder trägt seine eigene Symptom-Kombination mit sich herum. Bei dem Einen ist die Selbstverletzung besonders ausgeprägt, die nächste trägt jeden Tag unglaubliche Kämpfe mit ihrem Selbstbild aus. Vergleiche, Rangordnungen und ähnliches helfen keinem weiter. Fakt und wichtig ist: der Betroffene leidet.

  • Borderliner ritzen sich, um Aufmerksamkeit zu bekommen

Eher das Gegenteil: viele Betroffene verstecken ihre Narben und Wunden vor ihrer Umwelt. Und deswegen sind es auch Sprüche in diese Richtung („Du willst doch drauf angesprochen werden. Sonst würdest du deinen Arm ja wohl verdecken!“), die immer wieder aufs neue wehtun, wenn man sie mir um die Ohren haut. Denn der Sprechende weiß nicht, wie lange ich an mir gearbeitet habe, um mit den Spuren der Selbstverletzung offen umzugehen. Und wie lange ich die Sache vor der ganzen Welt versteckt habe.

Es mag Fälle geben, in denen das Ritzen AUCH dazu genutzt wird, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sei es, weil man sie auf anderem Wege nicht erlangen kann, sei es als Hilfeschrei. In den meisten Fällen ist es aber einfach ein Weg, um mit Dingen fertigzuwerden.

Meine Zeit der Selbstverletzung

Ich habe mich über lange Zeiträume selber verletzt. Meine Wahl fiel auf Rasierklingen und meinen linken Unterarm. Zeitweise auch den rechten. Wenn links kein Platz mehr war. Angefangen mit der Sache habe ich irgendwann so mit 16. Ganz genau kann ich das nicht mehr rekapitulieren. Mir ging es schon lange nicht mehr gut. Und dann habe ich bei einem anderen Mädchen diese Narben gesehen. Und das war der Beginn einer langen, feindlichen Freundschaft.

Zu Beginn habe ich es ab und zu gemacht. Dann immer öfter. Irgendwann zweimal täglich. Ich habe es gebraucht. Es ist Routine geworden. Natürlich war mir bewusst, dass das weder besonders gesund noch besonders klug ist, was ich da tue. Aber in dieser Zeit war es für mich der einzige Weg, um die Tage irgendwie durchzustehen. Ich hatte immer eine Rasierklinge im Geldbeutel, um im Zweifelsfalle schnell „reagieren“ zu können. Ohne bin ich nicht aus dem Haus.

Gut, die Sache hat mir also geholfen. Aber ich wollte trotzdem auf keinen – auf Gar. Keinen. Fall., dass irgendjemand etwas mitbekommt. Also hieß es: Arm verstecken. Am Anfang ging das noch mit Schweißbändern oder Ketten. Aber irgendwann kam ich nicht mehr um lange Ärmel herum. Gerade im Sommer natürlich keine Freude. Und Grund für viele Fragen. Ich kann nicht mehr sagen, wie ich diesen Fragen ausgewichen bin. Was genau ich gesagt habe. Aber glaubt mir: man wird kreativ.

Inzwischen zweifle ich ein wenig daran, dass ich über all die Jahre so überzeugend war, wie ich immer geglaubt habe. Ob die Leute zufrieden waren mit meinen Antworten oder insgeheim Vermutungen hatten. Keine Ahnung. Aber es ist müßig, darüber nachzudenken. Fakt ist: Solange ich nicht wollte, dass jemand etwas mitbekommt, hat niemand etwas mitbekommen.

Irgendwann habe ich dann bei manchen Menschen die Mauer etwas gelockert. Allen voran bei meiner Band. Denn ich wusste, dass alle von ihnen das Ritzen zumindest mal ausprobiert hatten. Wenn auch auf einem anderen Level. Ich konnte also auf etwas Verständnis hoffen. Ab diesem Punkt habe ich gemerkt, dass die meisten Leute das Thema einfach ignorieren. Wenn sie es denn bemerken. Was mir ganz recht war.

Ein paar Jahre lange habe ich die Sache also ziemlich konstant durchgezogen. Aber die Phase mit dem täglichen Ritzen hat ein paar Wochen oder Monate gedauert. Dann gab es eine lange Zeit der sporadischen Selbstverletzung. Und irgendwann wurden die Abstände immer größer. In den letzten zwei Jahren habe ich mich vielleicht noch fünf Mal geritzt.

Im Moment sage ich, die Sache ist vorbei. Ja, ab und zu denke ich noch daran, es zu tun. Dann kommen die Skills ins Spiel, die ich während meiner stationären Therapie Hamburg gelernt habe. Am Wichtigsten ist, dass ich es nicht mehr machen WILL. Das ist Grundlage. Und von dort aus kann ich dann nach anderen Dingen schauen, die mir helfen. Mir was Gutes tun, Skills wie Entgegengesetztes Handeln, Fühlen, Denken und Wahrnehmen –  und drüber reden, wenn es mir schlecht geht. Oder schreiben. Mindestens genau so gut.

Ich habe mich dazu entschieden, auf meiner Seite keine Bilder meiner Narben zu posten. Auf manchen Bildern sind sie zu sehen, denn sie gehören zu mir. Aber ich möchte nicht ein weiteres Bild raus in die Netzwelt schicken, was möglicherweise jemanden triggern oder auf andere Weise schädlich beeinflussen kann. 

Und warum nun das Ganze?

Weil es gut tut. Weil es hilft. Weil es funktioniert. Schnell und zuverlässig. Das ist die Kurzfassung.

Es gibt mehrere Gründe, warum Borderliner sich Ritzen. Oder sagen wir, Komponenten. Mal treten sie einzeln auf. Mal mischen sie sich zu dunklen Gewittern heran.

  1. die innere Anspannung loswerden | Egal wodurch sie ausgelöst wurde. Sie soll wieder gehen. Der Druck soll verschwinden. Alles ist zu voll. Der Kopf. Der Körper. Wie eine Tüte, die bis an den Rand gefüllt ist und kurz davor ist, zu platzen. Und wenn es so weit ist, dann möchte man platzen. Den Druck ablassen. Die Tüte piekst man mit einer Nadel. Der Borderliner schneidet die Haut auf. Das Blut entweicht. Der Druck kann raus.
  2. die innere Leere füllen | Ein weiteres zentrales Symptom von Borderline ist das anhaltende Gefühl innerer Leere. Da ist einfach nichts. Der Körper ist wie eine Hülle. Und man versteht nicht, wie das sein kann. Egal wie sehr man in sich reinschaut, der Scheinwerfer findet nichts zum Beleuchten. Und je mehr und verzweifelter man sucht, desto weniger ist da. Das kann bis zu einer Art Panik führen. Und dann will man Bestätigung. Dass man am Leben ist. Dass man keine leere Hülle ist. Dass da etwas in einem drin ist. Also macht man auf, und schaut nach.
  3. der Hass auf die eigene Person | Wenn man sich selber von Grund auf nicht ausstehen kann. Sich nicht leiden kann. Glaubt, nur das Schlechteste verdient zu haben. Und eigentlich noch nicht einmal das. Wenn man sich verabscheut. Innen wie außen. Dann hilft es, sich zu bestrafen. Denn was soll man sonst mit sich selber machen?

Das sind die drei Hauptgründe, sich selber zu verletzen, die ich für mich und an anderen Betroffenen ausgemacht habe. Es mag sein, dass es noch tausend andere Auslöser gibt, sich selber weh zu tun. Aber das sind die, die ich aus eigener Erfahrung kenne.

Wie mit den Wunden und Narben umgehen?

Da braucht man ganz schön viel Feingefühl. Denn ich weiß, dass einige Betroffene überhaupt nicht gerne auf ihre Verletzungen angesprochen werden. Ich habe inzwischen die Stärke, offen mit dem Thema umzugehen. Wenn mir jemand eine Frage stellen sollte, die nicht angebracht ist und die ich nicht beantworten möchte, dann werde ich das immer klar sagen. Meine Narben gehören zu mir. Sie sind nicht schön. Aber sie sind da.

Mein Tipp ist: fragt vorsichtig aber direkt nach, ob die Person über das Thema reden möchte. Wenn es euch wirklich interessiert. Bitte keine heimlichen Blicke oder Spekulationen hinterm Rücken. Für so etwas sind Borderline-Betroffene extrem empfindsam. Wir bekommen das mit. Wenn euch die Person also wichtig ist und ihre Narben vor euch nicht versteckt, dann sind das zwei wichtige Voraussetzungen für einen guten Austausch.

Wenn euch jemand mit frischen Wunden begegnet, dann bitte keine Kommentare wie „Oh Gott, was hast du denn gemacht?“. Wie oben gilt: vorsichtig nachfragen. Vielleicht erwähnen, dass man schon mal etwas von der Borderline Persönlichkeitsstörung gehört hat. Fragen, ob der oder die auch betroffen ist.

Wenn es einen ultimativen Ratschlag gibt , dann ist es, einfach zeigen und anbieten, dass man da ist. Egal ob gleich oder später. Und versucht, nicht zu urteilen und zu denken „Wie kann man so etwas nur tun?“. Die Person hat sich das nicht ausgesucht.

Wenn du naher Angehöriger bist, dann noch ganz wichtig: Mach dir keine Vorwürfe! Nach dem Motto „Hätte ich besser aufgepasst, dann wäre das nicht passiert!“ oder so. Doch. Wäre es. Nur vielleicht etwas später. Du hast keine Verantwortung und bist nicht Schuld!

Was hilft gegen den Drang?

Nein, ich habe nicht den ultimativen Tipp für dich, wie du dich nie wieder ritzt. Mein Kopf funktioniert anders als deiner. Andere Mechanismen, Muster und kaputte Schaltkreise. Deswegen kann mein Rat eher in eine allgemeine Richtung gehen.

Zu allererst: Verstehen, was dahinter steckt. Ein erster Ansatz können die drei Gründe oben sein. Woher kommt die Anspannung? Was kann ich gegen das Gefühl der inneren Leere tun? Warum finde ich mich so unausstehlich?

Diese Dinge alleine zu bearbeiten, ist bestimmt möglich, aber ich rate nicht dazu. Wenn du dich schon lange ritzt oder mit einer anderen Art der Selbstverletzung kämpfst, dann bitte ich dich von ganzem Herzen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Ich habe selber lange gedacht, dass ich das alleine in den Griff bekomme. Und zwischendrin sah es auch immer wieder so aus. Aber früher oder später habe ich es doch wieder gemacht. Und zwar, weil ich nicht an den Ursachen gearbeitet habe. Und das anzupacken, dafür brauchst du einfach erfahrenen Beistand. Oder sehr, sehr viel Mut, Kraft und Ausdauer. Denn egal ob mit oder ohne Hilfe, es wird Rückschläge geben. Und damit diese nicht dazu führen, dass du wieder genau dort landest, wo du angefangen hast, braucht es gewisse Fertigkeiten. Denn man kann die Rückschläge auch dazu nutzen, um noch mehr zu lernen und zu verstehen.

Eine Sache muss hier noch zum Thema Skills stehen: fang nicht einfach an, auf Chillischoten rumzukauen, weil du irgendwo gelesen hast, dass das hilft. Es kann helfen, das stimmt. Aber nur wenn man es richtig macht. Und genau dazu ist das Skills-Training da. Denn Skills brauchen viel Übung, damit sie Dinge wie das Ritzen ersetzen können.

Ich wiederhole mich, aber es ist nun mal zentral und wichtig: Ganz am Anfang muss die Entscheidung stehen, etwas ändern zu wollen. Und dann kann es weitergehen. Oder losgehen. Mit einer Therapie, mit dem Skills-Training, mit der Besserung.

 

 

2 Responses

  1. Klein Hardy sagt:

    Habe seit 40 Jahren Borderline und bin seit 11 Jahren in Behandlung. Alkohol Klinik, Ergotherapie und Institutambulanz. Ich habe noch sehr darunter zu leiden.

    • dominique sagt:

      Hi Hardy, klingt nicht schön. Aber vor ein paar Jahren hätte ich mir auch noch nicht vorstellen können, wie gut es mir heute geht. Bleib dran, ein Tag nach dem anderen.

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