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BPD Symptome erklärt | N°2

London - (m)eine neue Liebe: und dabei nur ein kleiner Teil im Rausch der Ereignisse der letzten WochenLesezeit: 5 minuten

BPD Symptome erklärt | N°2[spacer height=“20px“]

Wohl eines der anstrengendsten Symptome für das Umfeld von Betroffenen. In schnellen und schnellsten Wechseln wirst du vom Helden zum Hassobjekt. Aus einem warmen „Ich liebe dich“ wird ein hasserfülltes „Verschwinde“. Auf Türenknallen folgt Kuschelbedarf. Da mitzukommen und es auszuhalten, ist mehr als eine Herausforderung. 

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Verschwinde du Arsch, ich will dich nie wieder sehen! Du bist so toll, ich will dich heiraten!!!

 

In der Reihe BPD Symptome erklärt möchte ich euch nach und nach anhand der „offiziellen Kriterien“ des DSM die Symptome der Borderline Persönlichkeitsstörung vorstellen. Wie bei allen Beiträgen auf meiner Seite gilt: hier geht es um meine Welt, um meine Erfahrungen, um meine Ansichten. Wenn ihr Ergänzungen habt, könnt ihr diese gerne per Mail oder in den Kommentaren mit mir und allen Lesern teilen. Einen Überblick über die Symptome findest du im Grundkurs Borderline. Nun also los mit Kriterium N°2:

Instabile, aber intensive zwischenmenschliche Beziehungen mit häufigem Wechsel zwischen extremer Idealisierung und Abwertung des Partners.

Warum ich mit N°2 anfange? Ganz einfach: Kriterium N°1 der offiziellen 9 ist das einzige Symptom, bei dem ich kein Kreuzchen machen kann. Schade aber auch. (Ironie) Daher steigen wir gleich mit einem Thema ein, was meiner Meinung nach für Angehörige, Freunde und vor allem die Partner von Borderlinern mit die größte Anstrengung und Herausforderung darstellt.

In meinem Fall bekommt besonders mein Freund Arvid die volle Breitseite dieses Symptoms ab. Er ist wohl der einzige Mensch, bei dem mein strenges Über-Ich die Zügel locker lassen kann. Keine andere Person kann ich so anschreien, beschimpfen und – leider auch – verletzen. Dabei ist er auch der Mensch, der die größte Portion Liebe von mir bekommt.

Im Alltag sieht das dann so aus: wir schreien uns an, gerne aus einem nichtigen Grund. Ich werfe mit verbalen Messern um mich, die ich bei klarem Verstand niemals in den Mund nehmen würde. Dies kann für einige Zeit andauern, bis einer von uns die Schnauze voll hat und den Raum verlässt. Fünf Minuten später klopfe ich an seine Tür, schnurre sanft wie ein Kätzchen und möchte kuscheln.

Aus einer Mücke werden drei Elefanten

Oder anders. Den ganzen Tag freue ich mich auf einen Anruf von ihm. Überlege, was ich ihm alles erzählen möchte und kann es gar nicht mehr erwarten, dass endlich das Telefon klingelt. Wenn dies dann allerdings nicht zu genau der Zeit passiert, zu der ich es erwarte und es mir in den Kram passt, fällt meine Laune vom Vorfreude-Gipfel in die Abneigungs-Hölle. Wenn es so weit ist, können wir uns das Telefonat dann auch sparen.

Inzwischen weiß ich das und kann manchmal einfach die Notbremse reinhauen und Arvid sagen, dass ich jetzt sofort auflegen werde. Dann rege ich mich zehn Minuten lang erst noch mehr auf und dann langsam ab. Wenn es passt können wir dann einen zweiten Versuch starten.

Es gibt aber auch noch die anderen Wechsel. Die tiefgreifenderen, die schon einmal über mehrere Tage anhalten können. Das kann dann schön sein, mit Hochzeits-, Zukunfts- und Familienplänen. Mit verliebten SMS, einem anhaltenden Drang ihn hören zu wollen und non-stop Sehnsucht. Oder ich stelle das große Ganze in Frage, denke über eine Trennung nach oder wie viel Sinn das ganze überhaupt macht. Wenn Arvid so oft der Grund für meinen Ärger und meine Wut ist, macht das ganze dann überhaupt Sinn?

Nach einem solchen Telefonat wie oben beschrieben hatte ich vor kurzem zufällig einen Termin bei meiner Therapeutin. Auch ihr gegenüber habe ich die Beziehung in Frage gestellt. Die immerhin nun seit bald 7 Jahren besteht. Aber zum Glück lässt sie sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Sie hat mich dazu gebracht, zu erkennen, dass hinter meiner Wut eigentlich was ganz anderes steckt. Andere Gefühle. Schmerzhafte Gefühle. Und mit denen kann ich einfach überhaupt nicht gut umgehen. Mit Wut aber schon. Mein oft auftretender Ärger und die Wutausbrüche sind meistens nur Folgeerscheinungen. Darunter liegt oft Hilflosigkeit, Trauer oder Schmerz. Da ich mit diesen Kompagnons aber eben nicht besonders gut kann, haue ich einfach eine ordentliche Portion Wut darüber. Die kenne ich, damit kann ich umgehen.

Wie gehe ich als Partner also damit um?

Wie ich im Grundkurs Borderline schon angerissen habe: Mit am wichtigsten finde ich, dass du als Partner dich nicht von jeder Stimmung mitreißen lässt. Denn das macht die ganze Sache für euch beide nur noch schlimmer.

Heißt das jetzt, du darfst nicht zurückschreien wenn dein Bordie dich aus vollem Hals und voller Hass anschreit? Nun, meine persönliche Bitte ist: versuche erst kurz darüber nachzudenken, ob das wirklich gerade einen Wert hat. Und wenn der Ausgangspunkt der ganzen Sache nur eine Nichtigkeit war, dann versuche darüber zu stehen und den Sturm für einige Minuten abzuwettern.

Du kannst in solchen Momenten praktisch nichts richtig machen. Aber eigentlich alles falsch. Mein Tipp: versuche, dich auf dich selber zu konzentrieren. Lass dich nicht auch noch von der Krankheit lenken. Versuche, bei dir zu bleiben und den Ausbruch nicht an dich ranzulassen. Es ist nicht deine Schuld. Auch wenn du der Auslöser warst. Schuld bist du nur, wenn du mit deinem Handeln genau diese Konsequenz erreichen wolltest. Aber in den meisten Fällen wird das wohl nicht der Fall sein.

Am einfachsten ist es für mich, wenn Arvid mein Wutausbruch kalt lässt und ich wenige Minuten später mit meiner neuen Stimmung zu ihm kommen kann und er mir keine Vorwürfe macht. Nach einem Wut- und Schreianfall bin ich im Nachhinein oft so beschämt und böse auf mich selber, dass muss mir dann niemand mehr vorhalten. Mir tut Leid, dass es passiert ist und ich fühle mich schlecht.

Und was kannst du als Betroffener tun?

Nun, ich habe gemerkt dass ich weniger zu solchen Ausbrüchen neige, wenn ich „in meiner Mitte bin“. Sprich, meine Meditations-, Sport-, Schlaf- und Co-Routine gut hinbekomme. Dann kann ich vieles gelassener sehen.

Mittlerweile habe ich schon so einiges verstanden. Wenn ich merke, dass die Wut kommt oder wenn sie schon da ist, schaffe ich es inzwischen manchmal, mich zu fragen, ob und was dahintersteckt. Da kann verschiedenes bei rauskommen, aber schon allein das Gefühl, der Wut nicht hilflos ausgeliefert zu sein, gibt mir eine Freiheit zurück, von der ich gar nicht wusste, dass sie mir abhanden gekommen war.

Wenn ich erkennen kann, welches Gefühl hinter meinem kochenenden Blut steht, kann ich versuchen, die Dinge zu verändern. Zum Beispiel kann ich Arvid sagen, wenn mich etwas verletzt hat. Das ist meist produktiver als ihn einfach nur anzuschreien.

Und auch bei den länger anhaltenden Phasen habe ich wohl zumindest auf einer rationalen Ebene begriffen, dass sie nicht von Dauer sind. Ich lasse mich nicht mehr aus vollem Herzen mitreißen. Ich muss akzeptieren, dass es diese Wechsel gibt und mich darauf verlassen, dass ich tief drinnen weiß, dass ich einen wundervollen Mann an meiner Seite habe.

Kurz und gut

Meine These zum Symptom: mit der Abwertung meines Partners, versuche ich mich, vor meinen eigenen Gefühlen zu schützen. Lieber den schwarzen Peter weitergeben als zu erkennen, dass ich ein Wesen bin, das von anderen verletzt werden kann.

Was die Idealisierung betrifft so glaube ich, dass sie bei mir dazu dienen soll, das schlechte Gewissen von den Wutausbrüchen wett zu machen. Und wenn man den Partner auf einen Sockel hebt, ist die Schwelle niedriger, ihm Fehler vorzuwerfen. Und das passt leider oft sehr gut in das Wut-Konzept meines Gehirns.

Der abwertende Part dieses Symptoms ist für beide Parteien ziemlich sicher der anstrengendere und auch der, der sich im Alltag stärker bemerkbar macht. Denn idealisiert, geliebt und vermisst zu werden kann auch scheiße sein, wenn es zu viel wird. Aber gehasst, angeschrieben und niedergemacht zu werden, ist wohl weitaus beschissener.


So viel für den Moment zum offiziellen Symptom N°2. Meine Freundschaften werden durch dieses Symptom zum Glück weniger beeinträchtigt. In diesen Beziehungen ist mein Über-Ich einfach strenger und hält mich davon ab, jedes Gefühl ungefiltert so rauszulassen, wie es gerade auftaucht.

Und noch eine Bemerkung zu dieser Reihe: die Symptome von Borderline klar voneinander abzugrenzen, ist sehr schwer. Wie ihr in diesem Beitrag gesehen habt, ging es viel um das Thema Wut, eigentlich ein eigenes Kriterium, zu dem ich bald mehr schreiben werde. Die Symptome treten nicht isoliert voneinander auf, sondern beeinflussen, vermischen und bedingen sich. Nur so, zu euerer Info und zum hoffentlich leichteren Verständnis.

 

One Response

  1. Arvid sagt:

    Und täglich fährt die Achterbahn…
    ein kurzer Blick von der anderen Seite…

    Nun ja, es gibt auch ruhige Tage, da hat der Rummelplatz geschlossen, der Mann vom Kassenhäuschen macht Urlaub am Seeufer und lässt die Beine baumeln. Beschauliche Tage, fast ein bisschen langweilig…

    Doch dann auf einmal ist er wieder da. Wenn Ich an der Achterbahn vorbei schlendere, greift er mich, reisst mich am Arm, zerrt mich zu den Gleisen, stößt mich unsanft in einen Wagen und drückt sofort auf den grossen roten Knopf, der den Zug sofort abfahren lässt…

    Das größte Problem für mich an der Sache ist eigentlich, daß ich mich angegriffen fühle, wirklich angegriffen. Erst viel zu spät erkenne ich dann immer wieder den Zusammenhang zu Deiner Störung. Ich werde wohl noch viel Training brauchen um schneller zu schalten.

    Denn wenn mir jemand einen wütenden Vorwurf macht, dann reagiert mein Gehirn am Anfang jedes mal ganz normal. Soll heissen, ich fühle mich auch wirklich angegriffen, möchte mich verteidigen, werde selbst wütend über die Schuldzuweisung. Im Innersten jedoch verarbeite ich jeden Angriff aber natürlich auch wie jede andere Kritik, ich überprüfe unterbewusst, ob an den Vorwürfen vielleicht etwas dran ist, und oft erkenne ich dann kurioserweise auch tatsächlich irgend einen Fehler an mir. Vielleicht ist das meine eigene Macke, mein schwächelndes Selbstbewusstsein. Und das macht mich dann total fertig. So führt jeder der affektgesteuerten Wutausbrüche meiner Kleinen Borderlinerin auch zu schlechter Laune bei mir.
    Erst viel später erkenne ich dann den Ablauf einer typischen Borderline Projektion. Doch dann ist es schon zu spät. Mein Hirn hat schon ein paar Schuldbewusstseins-Hormone ausgeschüttet.

    Und so fahre ich die Achterbahn mit, mindestens genauso ungewollt wie Dominique auch.
    Genau das macht die Sache so anstrengend, und manchmal ist es wirklich zum Verzweifeln.

    Doch zum Glück setzt sich dann doch immer mehr die Erkenntniss durch, daß das alles nur eine Turbulenz war. Sobald die Ratio wieder vernünftig funktioniert, kann ich das wieder überblicken. Das ist dann meist genau der Moment, wo mein kleines Kätzchen dann auch schon wieder schnurrend angeschlichen kommt, mit riesigen, flehenden Augen. Schlechtes Gewissen wegen der Eruption. Wie könnte ich anders, als Dich dann sofort wieder heiss und innig zu lieben?

    Schöne, anstrengenden Achterbahnfahrt.

    An dieser Stelle bleib nur noch kurz Marlene zu zitieren:

    Wenn ich mir was wünschen dürfte
    Käm ich in Verlegenheit,
    Was ich mir denn wünschen sollte,
    Eine schlimme oder gute Zeit

    Wenn ich mir was wünschen dürfte
    Möchte ich etwas glücklich sein
    Denn wenn ich gar zu glücklich wär‘
    Hätt‘ ich Heimweh nach dem Traurigsein

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