TtB – Traveling | the | Borderline

grundkurs borderline [OLD]

borderline

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[block background=“#ffffff“ text_color=“#999999″ rounded=“true“ shadow=“true“][drop_cap color=“#ffffff“ background=“#600033″]Hier[/drop_cap]geht es nun endlich und ausschließlich um die Borderline Persönlichkeitsstörung. Zufällig über das Thema oder die Seite gestolpert? Vorhin die Diagnose von deinem Therapeuten bekommen? Oder ist jemand in deinem Umfeld betroffen? Und nun willst du wissen, warum der oder die sich so verhält? Und was du tun kannst?

Je nachdem, ob das Thema neu ist, man selber betroffen ist oder jemanden kennt, hat man meiner Meinung nach sehr unterschiedliche Fragen. Daher habe ich diese Seite in drei Bereiche geteilt. Ich hoffe, ihr findet was ihr sucht und sagt Bescheid, wenn nicht.[/block]

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Borderline – Was ist das eigentlich?

«Borderline – das ist doch das mit dem Ritzen?» | «Borderliner wollen nur Aufmerksamkeit!» | «Borderline? Das gibt’s wirklich?»

Diese oder ähnliche Reaktionen bekomme ich immer wieder, wenn ich mit jemandem über Borderline spreche. Ja, Nein, Vielleicht – irgendwie schon – aber die ganze Sache ist zu komplex, um sie in drei Sätzen zu erklären.

Wenn ihr diesen Artikel lest, habt ihr quasi den «Grundkurs Borderline Persönlichkeitsstörung» absolviert. Nach der Lektüre haben auch die «Neueinsteiger» unter euch einen Überblick über das Thema. Ich bin auch immer offen für Fragen, Anregungen oder wenn euch noch etwas fehlt, bzw. nicht klar sein sollte. In diesem Fall: schreibt mir einfach.

Der Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – viel mehr möchte ich euch von meinem Alltag, meine Erfahrungen – meiner ganz persönlichen Geschichte des Grenzwandels erzählen.

[toggle title=“Darf ich vorstellen:“]

Darf ich vorstellen:

Der volle Name meiner alltäglichen Begleiterin lautet emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ. Besser bekannt ist sie allerdings unter Borderline Persönlichkeitsstörung (BPS) oder auch unter ihrem englischen Namen: Borderline Personality Disorder (BPD).

Der Name kommt daher, dass die Ärzte früher nicht recht wussten, wo sie Betroffene einordnen sollen – also hat man ihnen den Grenzbereich zwischen Psychose und Neurose überlassen. Das hat leider dazu geführt, dass Borderline auch bei Fachpersonal lange und gerne als eine Art «Restekategorie» benutzt wurde. Wenn keine andere Schublade gepasst hat, dann gab es das Label Borderline. Leider findet man auch heute noch Therapeuten, die nicht mit Borderlinern arbeiten wollen – weil sie als schlecht oder gar nicht behandelbar, unzuverlässig und anstrengende Patienten gelten.

Wenn ihr euch in der ein oder anderen Beschreibung, die ihr hier lest, wiederfindet – erschreckt euch nicht gleich. Mein Psychologie-Dozent hat immer gesagt: «Jeder gesunde Mensch kennt jede psychische Störung die es gibt aus dem eigenen Erleben – allerdings in homöopathischen Dosen.»

Mittlerweile arbeite ich seit zwei Jahren mit professioneller Hilfe an meiner BPD. Einiges ist schon besser geworden, mit anderem kämpfe ich auch weiterhin jeden Tag. So manches habe ich inzwischen verstanden, anderes ist mir immer noch ein Rätsel. So kommt es auch, dass ich manches schon in der Vergangenheitsform schreiben kann.

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[toggle title=“Wie fühlt sich Borderline an?“]

Wie fühlt sich Borderline an?

Für Männer: Wie fühlt es sich an, Brüste zu haben?

Für Frauen: Wie fühlt es sich an, einen Tritt in die Eier zu bekommen?

Manche Dinge lassen sich einfach schwer beschreiben. Ich habe mal das Bild einer Achterbahn gewählt. Eine Achterbahn, die im Dunkeln fährt. Ich habe keine Ahnung, was als nächstes passiert. Ob es steil bergauf, senkrecht nach unten oder in sanften Kurven ein bisschen gerade aus geht. Es erwischt einen aus dem Nichts. Ein Bild, ein Wort, ein Gedanke kann reichen, um die Sache von einer gemütlichen Kaffeefahrt in einen Höllentrip zu verwandeln – und umgekehrt.

Für Außenstehende ist vielleicht das Bild eines Borderliners als Kleinkind recht treffend: Das Kind stolpert. Es ist nichts passiert – aber trotzdem ein Riesen-Theater mit Geschrei und Tränen. Sieht das Kind wenige Augenblicke später eine Tüte Gummibärchen strahlt es plötzlich aus vollem Herzen! Von den negativen Gefühlen, die nur wenige Augenblicke her sind – keine Spur mehr. Genau so ist das auch bei mir. Schwierig daran ist vor allem, dass die Umwelt meistens nicht schnell genug mit umschaltet – sie sieht noch die Dominique von vor wenigen Minuten. Oft gibt es Probleme, weil ich schon wieder zwölf Gefühlswelten weiter bin. Mein Gegenüber aber immer noch versucht, mit meinem Ich von Davor fertig zu werden.

Darüber hinaus wird Borderline nicht umsonst mit Begriffen wie «Zwischen den Extremen» umschrieben. Denn vieles ist bei uns eigentlich normal – Gedanken, Reaktionen, Gefühle. Nur eben um einiges stärker, eben extremer, als bei den «normalen Menschen». Im Internet und auch von Betroffenen gibt es viele Bilder, die nur schwarz und weiß zeigen. Und zwar weil Borderline sich oft genau so anfühlt – schwarz oder weiß. Gut oder schlecht. Liebe oder Hass. Ja oder Nein. Es fehlen die Zwischenbereiche, die Graustufen in denen sich ein normaler Mensch bewegt. Entweder ich hasse ein Ding, einen Menschen, eine Tatsache – oder ich finde sie oder es grandios, wahnsinn und das Tollste überhaupt. Und zwei Minuten später ist wieder alles anders =)

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[toggle title=“Wie viele Betroffene gibt es?“]

Wie viele Betroffene gibt es?

Das ist wohl eine der schwierigsten Fragen. Die Antworten darauf schwanken stark – aber pendeln sich bei etwa 2% der Bevölkerung ein. Das mag zunächst wenig klingen. Aber nicht mehr sobald man einen Taschenrechner bemüht. Deutschland hat momentan etwa 81 Millionen Einwohner. Zwei Prozent davon sind 1.620.000. Über eineinhalb Millionen. Und das entspricht ziemlich genau der Größe von Hamburg.

Angesichts dieser Zahlen wundere ich mich oft, wie wenig über diese Krankheit bekannt ist. Und wie wenig darüber geredet wird. Und genau das ist auch einer der Gründe für diesen Text, für diese Seite.

Oft gilt Borderline eher als «Frauenkrankheit» – das stimmt so schlicht und ergreifend nicht. Das Ding ist, dass die weiblichen Betroffenen eher in Therapie oder in einer Klinik landen und die männlichen im Gefängnis oder vor Gericht. Klingt fies, ist aber so. In Wahrheit dürfte es wohl eher 60 zu 40 für die Damenwelt stehen.

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[toggle title=“Wie sehen die Symptome aus?“]

Wie sehen die Symptome aus?

Darauf gibt es keine klare Antwort. Ich vergleiche Borderline in dieser Hinsicht immer gerne mit Krebs: wenn jemand mir erzählt, er hat Krebs dann weiß ich noch so gut wie nichts. Jeder Krebs ist anders, jeder Tumor hat andere Symptome, jeder Krankheitsverlauf ist sehr individuell. Es gibt Probleme, mit denen haben viele Krebspatienten zu kämpfen, andere wiederum kommen sehr selten vor. Allen gemein ist, dass es selten zwei genau gleiche Fälle geben wird. Und so ist es auch bei Borderline.

Um so schwer greifbare Krankheiten wie Persönlichkeitsstörungen besser sortieren und einordnen zu können gibt es das sogenannte DSM. Es wird von der American Psychiatric Association herausgegeben und findet weltweit Anwendung. Für Borderline führt der aktuelle Katalog neun Kriterien auf, davon müssen fünf für eine Diagnose erfüllt sein.

  1. verzweifelte Bemühungen, befürchtetes oder tatsächliches Verlassenwerden zu vermeiden
  2. instabile, aber intensive zwischenmenschliche Beziehungen mit häufigem Wechsel zwischen extremer Idealisierung und Abwertung des Partners
  3. Identitätsstörung in Form eines ausgeprägten und andauernden instabilen Selbstbilds oder einer instabilen Selbstwahrnehmung
  4. starke Impulsivität in mindestens zwei möglicherweise selbstschädigenden Bereichen, zum Beispiel Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, zu viel oder zu wenig essen
  5. Selbstverletzungen, Selbstmordversuche oder Androhen von Selbstmord
  6. Instabile Gefühlswelt (affektive Instabilität) mit einem extremen Gefühlserleben und plötzlichen, oftmals heftigen Stimmungsschwankungen, die bereits durch kleinste Ereignisse ausgelöst werden können
  7. andauerndes Gefühl der inneren Leere
  8. unangemessene, sehr heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z.B. häufige Wutanfälle)
  9. vorübergehend paranoide Vorstellungen oder dissoziative Gefühle wie Selbstentfremdung infolge von Belastungssituationen

Bei mir treffen alle Kategorien zu, außer Nummer 1. Herzlichen Glückwunsch. Am meisten zu schaffen machen mir im Alltag Nummer 4, 6 und 8.

Oft zu kämpfen habe ich mit meinem instabilen Selbstbild und der Stärke meiner Gefühls- und Stimmungsschwankungen. An einem Tag finde ich mich großartig, plane meine Zukunft, setze tausend Dinge in Gang und bin hochmotiviert, dass ich alles schaffen kann. Wenige Stunden später habe ich jeglichen Glauben an mich und meine Pläne verloren. Finde alles – vor allem mich – einfach nur scheiße und bekomme überhaupt nichts mehr gebacken. Manchmal passiert dieser Wechsel auch innerhalb von Minuten.

Und dann die Gefühle – vor allem die Wut. Und die Trauer. Und die Freude. Wieder reicht ein Gedanke, ein Wort, ein Bild und ich verwandele mich von der fröhlichsten Grinsekatze in ein wimmerndes Häufchen mit Tränen in den Augen. Meistens ist es allerdings eine Art «Rumpelstielzchen», das kurz die Kontrolle übernimmt. Aber nach Sekunden, Minuten ist das alles wieder vergessen. Und entweder ist ein neues Gefühl da, das mit mir durch geht oder es läuft wieder «normal». Was dann oft bleibt ist ein schlechtes Gewissen oder Gefühl gegenüber meinen Mitmenschen. Toll gemacht, Dommi!

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[toggle title=“Ist Borderline eine Störung?“]

Ist Borderline eine Störung?

Genau genommen: Ja. Es ist eine Störung der Persönlichkeit. Inwieweit sie einen im Alltag allerdings stört, ist bei jedem Betroffenen unterschiedlich. Ich für meinen Teil bezeichne mich gerne als «funktionale Borderlinerin», da ich es trotz allem schaffe, ein intaktes Sozialleben zu führen. Ich habe keine Schulden, habe ein abgeschlossenes Studium, ein leeres Führungszeugnis sowie ziemlich stabile Beziehungen.

Bei meinem Klinikaufenthalt habe ich allerdings auch ein anderes Bild kennen gelernt. Neben den Problemen, vor die Borderline einen jeden Tag stellt, kämpfen viele meiner Leidensgenossen und Genossinnen mit nicht weniger belastenden Dingen wie Schulden, Arbeitslosigkeit, Fehlen von Wohnung, komplizierte Familienverhältnisse und so fort.

Auf keinen Fall kann man sagen, dass ihre Krankheit «Schuld» ist an den chaotischen Lebensverhältnissen. Dennoch habe ich beobachtet, dass die starke Impulsivität, die Borderline mit sich bringt, einem schnell Türen vor der Nase zuschlagen, Beziehungen zerstören und Probleme verursachen kann.

In diesem Punkt muss ich wohl sagen, dass ich «Glück» habe, weil mein Über-Ich so dermaßen stark ausgeprägt ist, dass es mich vor unguten Aktionen beschützt hat. Nach dem Motto «Ich würde jetzt echt gerne diesem Kerl eine verbale Tracht Prügel verpassen. Wäre aber vielleicht nicht so gut, ist schließlich dein Chef.» An dieser Stelle: Danke, liebes Über-Ich!

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[toggle title=“Warum ritzen sich viele Borderliner?“]

Warum ritzen sich viele Borderliner?

Zuerst einmal: nicht jeder Borderliner ritzt sich. Und nicht jede(r), der sich ritzt – ist Borderliner. Ich habe mich über lange Zeiträume selber verletzt. Meine Wahl fiel auf Rasierklingen und meinen linken Unterarm.

Sich zu ritzen – also, mit scharfen Gegenständen die Haut aufzuschneiden – ist eine Art der Selbstverletzung. Daneben gibt es noch subtilere, weniger offensichtliche Arten der Selbstschädigung, die bei Borderline auftreten. Dazu gehören ein riskantes Sexualverhalten, unvernünftiges Autofahren, zu viel oder zu wenig Essen, Geld ausgeben, das man nicht hat und so fort. Es gibt wenig, was es nicht gibt. Jeder findet da so seine Nische.

Falsch ist auch, das (Nicht-)Vorhandensein von Ritzen mit der «Stärke» von Borderline gleichzusetzen. Ein gut gepflegtes Vorurteil, selbst unter Betroffenen: «Wow, deine Arme sehen echt schlimm aus, du bist wohl ein besonders heftiger Fall» und dann «Du ritzt dich ja gar nicht. Bist du sicher, dass du überhaupt Borderline hast?» So ein Irrtum. Kein Zusammenhang.

In meiner Therapie habe ich gelernt, dass Dinge wie Ritzen dazu dient, die innere Anspannung loszuwerden. Die Anspannung ist ein so zentraler Begriff in der Therapie von Borderline, dass es auch hier einen eigenen Artikel gibt. Hier nur so viel: Gefühle, Gedanken, Begegnungen, Erlebnisse oder auch nichts lösen innere Anspannungen aus, das kennt jeder – der Chef nervt, der Kaffee war scheiße – also schlechte Laune. Abends gönnt man sich dann was gutes, geht eine Runde sporteln oder kann sich beim Partner so richtig auskotzen. Alles Dinge, um die Anspannung des Tages wieder abzubauen.

Wir Borderline sind da leider mal wieder ein bisschen extremer – unsere Anspannung entsteht schneller, ist meist heftiger und lässt sich schwerer wieder runterkriegen. Also braucht es dementsprechend auch stärkere Maßnahmen, um etwas dagegen zu tun. Man fühlt sich zum Zerreissen, möchte laut schreien, Bäume ausreißen – irgendwas heftiges machen. Einfach irgendwas, damit das weg geht. Irgendwie diesen Zustand beenden. Und leider hilft hier das Schneiden mit einer Rasierklinge ziemlich gut. So gut, dass der Körper dieses Mittel nur ungern wieder hergeben möchte. Daher ist ein zentraler Teil der DBT , andere Wege und Fertigkeiten – sogenannte Skills – zu entwickeln, die auf Dauer an die Stelle von selbstschädigendem Verhalten treten.

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[toggle title=“Ein Problem kommt selten allein.“]

Ein Problem kommt selten allein.

Die wenigsten Borderliner sind «nur» Borderliner. Fast alle kämpfen darüber hinaus mit mindestens einer weiteren Krankheit. Die Klassiker sind Depressionen und Abhängigkeiten.

Oft sind diese Zusatzpacks eine Art «Folgekrankheit», wie ich es jetzt mal Laienhaft bezeichnen würde. Du möchtest der Leere und der Anspannung in dir entkommen, also betäubst du dich, lenkst dich ab, überdeckst dein Innenleben. Ob das nun Drogenkonsum, regelmäßige Räusche, ein eher unvernünftiges Sexualleben, übertriebenes Geld ausgeben ist oder ein gestörtes Verhältnis zum Essen ist. Das blöde an diesen «Strategien» ist nur – sie funktionieren nicht. Leider tun sie in den meisten Fällen genau das Gegenteil: diese Verhalten können Beziehungen zerstören, die Gesundheit ruinieren und Ausbildung, Job oder Wohnung gefährden.

Als Borderliner bist du deinen Impulsen leider ziemlich oft ziemlich hilflos ausgeliefert, und ehe du dich versiehst, kommt zu deinem Berg an Probleme noch ein neues dazu. Eigentlich weißt du, dass es nicht gesund ist, um diese Zeit / diese Menge Alkohol zu trinken. Aber es macht das Leben schnell ein wenig leichter. Wenn auch nur kurz. Aber kurz ist besser als gar nicht. Dein Kopf ist leider nicht blöd. Irgendwann fängt er dir an zu sagen: «Du, der Wodka ist ja ganz nett, aber dein Leben ist irgendwie trotzdem immer noch scheiße!» Auftritt Depression. Stimmt, irgendwie hat der Kopf recht, läuft ganz schön viel schief im Leben – vielleicht einfach Schluss machen?

Eine ungünstige Kombination, kann ich euch sagen. Für einige Monate meines Lebens muss ich ganz klar erkennen, dass mein Alkoholkonsum sich auf dem Niveau einer richtig netten Abhängigkeit bewegt hat. Nur die Tatsache, dass ich heute ein «gesundes Verhältnis» zum Alkohol habe, lässt mich erkennen, dass mir das Trinken einfach lange und intensiv dabei geholfen hat, meine Anspannung zu regulieren. Es war also eine psychische, keine körperliche Abhängigkeit. Ich hatte auch keinerlei Probleme dabei, von einem auf den anderen Tag den Konsum komplett einzustellen, keine Entzugserscheinen oder ähnliches. Hier wird der ein oder andere «Profi» bestimmt sagen: «Klassische Verlegung.» Aber mein Standpunkt. Heute habe ich andere Skills und habe es sogar so weit geschafft, dass ich das eine Glas Wein, das eine Gipfelbier wieder in vollen Zügen genießen kann. Ohne Angst vor einem Rückfall in alte Muster zu haben.

Auch die Depression hat mich über lange Strecken meines Lebens begleitet – nur wusste ich bis zu meiner Therapie nicht, dass sie sich bei mir lange Zeit sehr wohl gefühlt hat. An vielen Tagen bin ich nur aus dem Bett gekommen, weil mein übermächtiges Über-Ich so lange gebrüllt hat «Steh jetzt auf, sonst merkt noch jemand, dass mit dir was nicht stimmt!!!!!!!» bis ich nachgegeben habe.

An dieser Stelle muss ich vielleicht mal kurz erwähnen, dass nur wenige Leute von meinem «Zustand» wussten. Erst als ich im Frühjahr 2014 nach Hamburg gegangen bin um eine 3-Monatige Therapie zu machen, habe ich mich geoutet und meiner Familie alle Fakten um die Ohren gehauen.

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[toggle title=“Gibt es einen Test um Borderline festzustellen?“]

Gibt es einen Test um Borderline festzustellen?

Im Internet findet man diverse Tests, mit deren Hilfe man eine Borderline-Störung erkennen können soll. Ich gebe zu: als meine Therapeutin mit das erste Mal den Begriff zugeworfen hat, habe ich auch mehrere dieser Test ausgefüllt. Denn sie liefern schlicht eine schnelle und unkomplizierte Antwort. Eine erste Einordnung. Sie geben eine erste Richtung, ob man vielleicht der Wahrheit auf der Spur ist.

Ein Gespräch mit einem Arzt oder Therapeuten können und sollen diese Test allerdings auf keinen Fall ersetzen. Wie ich schon oben erwähnt habe, wird man sich je nach Tagesform und persönlichen Macken in vielen psychischen Störung in irgendeiner Art und Weise wiederfinden. Dies bedeutet allerdings noch lange nicht, dass Handlungsbedarf besteht oder man sich Sorgen machen muss.

Wenn man allerdings sowieso schon einen Verdacht hat, ob bei sich oder bei Bekannten bzw. Angehörigen – gerade dann können solche Test helfen, um einen Anfang im komplizierten Hilfesystem zu finden. Sie können Startpunkt für weitergehende Literatur oder für die richtige Anlaufstelle geben.

Die Diagnose einer psychischen Krankheit hat immer auch etwas mit dem persönlichen Leidensdruck zu tun. Werde ich in irgendeiner Art und Weise eingeschränkt von meinen Symptomen? Kann ich Dinge nicht mehr erledigen, die für andere normal sind? Lasse ich bestimmte Sachen lieber bleiben, weil ich Angst vor meinen eigenen Gedanken und Körperreaktionen habe? Beim Leidensdruck zählen auch die Menschen in der Umgebung – werden sie durch mein Verhalten eingeschränkt? Dies sind wichtige Fragen auf dem Weg, sich Hilfe zu holen.

Beispiele für solche Tests findest du hier und hier.

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[toggle title=“Was für Ursachen hat Borderline? Wie entsteht es?“]

Was für Ursachen hat Borderline? Wie entsteht es?

Eine oft gestellte Frage. Aber leider gibt es dazu – meines Wissens nach – keine eindeutige Antwort. Aus den verschiedenen Beiträgen zum Thema habe ich mir folgendes Bild gemacht: Borderline ist eine Kombination aus einer gewissen genetischen Veranlagung und den Erlebnissen, die wir machen. Oft ist zu lesen, dass jeder Betroffene in der Kindheit missbraucht wurde – das stimmt so einfach nicht. Tatsache ist: traumatische Erfahrungen in frühen Lebensjahren kommen oft vor, sind aber kein Muss.

Wir alle kommen auf die Welt mit einem gewissen Set an Genen, dass uns für die ein oder andere Krankheit anfälliger macht als andere Menschen. Schon die Eltern und Großeltern hatten schlechte Zähne – also lieber fleißig putzen. Alle in der Familie haben eine Brille – hohe Wahrscheinlichkeit, dass man auch bald den Augenarzt aufsuchen muss. Ebendies gilt auch für psychische Krankheiten, gewisse Gene begünstigen gewisse Störungsbilder. Aber nur, weil die Gene vorhanden sind, heißt es noch lange nicht, dass die Krankheit auch ausbrechen muss.

Hier kommt ins Spiel, wie wir aufwachsen. Was wir erleben. Wer sich wie um uns kümmert. Ob wir schon früh traumatische Dinge erleben. Und auch diese Dinge sind alle keine Garantie dafür, dass man später eine psychische Störung entwickelt. Aber eine ungünstige Kombination aus genetischen und familiären Faktoren – das ist dann quasi der Jackpot. Es gibt Menschen, die haben schon so viel Schlimmes in ihrem Leben hinter sich – und strahlen immer noch. Andere schmeißt eine Kleinigkeit so heftig aus der Bahn, dass der Selbstmord quasi von heute auf morgen vor der Tür steht.

Während meiner Zeit in Hamburg habe ich alle Kombinationen getroffen, von «schon die Großmutter hatte wohl Borderline» über «in schlimmsten Verhältnissen aufgewachsen, Gewalt und Missbrauch in der Familie» bis zu «heiles Elternhaus, problemloses Aufwachsen, Friede – Freude – Eierkuchen; und dann Borderline».

Man sollte also unbedingt vermeiden, immer gleich den Eltern die Schuld zuzuschieben, weil ihr Kind in frühen Jahren ein Trauma erlebt hat und jetzt dazu auch noch mit Borderline fertig werden muss. Denn so einfach ist die ganze Sache leider nicht.

Für die Zukunft mag es wichtig sein, die Ursachen genauer zu erforschen. Ich für meinen Teil bin eher Fan des Nach-Vorne-Schauens als des Ständigen-Zurück-Blickens. Warum auch immer ich mit Borderline gesegnet bin – ändern kann ich es nicht. Leben muss ich in jedem Fall damit. Also lieber Wege finden, immer besser damit klar zu kommen. Gelitten hab ich schon genug!

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[toggle title=“Gibt es Therapien die bei Borderline helfen?“]

Gibt es Therapien die bei Borderline helfen?

Ja, gibt es. Klare Antwort!

Der «Klassiker» und die heute wohl am häufigsten angewendete Form ist wahrscheinlich DBT. Auch in der Klinik in Hamburg wurde damit gearbeitet. Hier in München bin ich weiterhin in einer sogenannten Skills-Gruppe, die mit dem gleichen Manual arbeitet.

DBT steht für Dialektisch Behaviorale Therapie. Sie setzt sich zusammen aus verschiedenen Einzelteilen. Achtsamkeit spielt eine eben so große Rolle wie das Entwicklen von Fertigkeiten, sogenannten Skills. Diese sollen dabei helfen, Anspannungszustände anders zu lösen als mit selbstschädigendem Verhalten. Andere Module sind «Umgang mit Gefühlen», «Zwischenmenschliche Fertigkeiten» und auch «Selbstwert». Für mich ist das besondere an der Therapie, dass alle Aspekte des komplizierten Krankheitsbildes von Borderline berücksichtigt werden.

Die meiste Arbeit findet bei einem stationären Aufenthalt in Gruppen statt. Dennoch gehört auch immer eine ergänzende Einzeltherapie dazu. Manchen Dinge will, kann oder sollte man einfach nicht in der Gruppe besprechen.

An dieser Stelle habe ich mal wieder das Bedürfnis, meine Aussagen zu relativieren. Nach dem Motto «Also, mir hat es geholfen, aber ob das bei dir auch so ist, weiß ich natürlich nicht.» Damit muss ich aufhören! Denn auf dieser Seite möchte ich euch schließlich meine Sicht der Dinge nahe bringen. Und meine Sicht ist: DBT wirkt. Achtsamkeit hilft. Wie Hölle!

Hier findet ihr einen Text über die Rolle von Achtsamkeit innerhalb der DBT-Therapie. Nicht von mir, sondern von Dr. Michael Harrer von achtsamleben.at.

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[toggle title=“Ist Borderline heilbar?“]

Ist Borderline heilbar?

Nein!

Mit den richtigen Therapien kann es besser werden, der Alltag leichter. Aber mehr auch nicht. Ich habe oft gehört, dass es mit dem Alter besser wird, sich die Krankheit quasi «auswächst». Da ich in der Klinik aber auch 50-jährige Betroffene kennengelernt habe, will ich mich auf dieser Aussicht lieber nicht ausruhen. Ich erzähle euch dann, wenn es so weit ist, ob das stimmt.

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[toggle title=“Warum sind Beziehungen zu Borderlinern oft anstrengend?“]

Warum sind Beziehungen zu Borderlinern oft anstrengend?

Weil man als Partner, enger Freund oder Familienangehöriger einfach die volle Ladung an Gefühlsschwankungen, impulsiven Ausbrüchen und Launen abbekommt. Die Heftigkeit dieser Emotionen wäre allein vielleicht sogar noch irgendwie zu ertragen. Aber der Wechsel. Meiner Meinung nach ist das der wirklich anstrengende Teil.

Der oder die Betroffene ist seit dem letzten «Ich-hasse-dich» vor fünf Minuten mittlerweile schon wieder bei einem «Schatz, du bist der tollste Mensch auf Erden» angekommen. Und das mit vollem Herzen, Denken und Fühlen. Du als Partner bist aber noch damit beschäftigt, die Worte zu verarbeiten, die dir vorhin an den Kopf geknallt wurden. Wie bitte sollst du da so schnell umschalten?

Borderline zeigen oft immer direkt ihr wahres Ich. Ob das gerade die euphorische Springmaus oder das wütende Nashorn ist. Sollen die anderen bitte damit klarkommen, ich kämpfe schon genug mit mir selber. Wer viel Kontakt zu einem Betroffenen hat, kennt also oft nicht nur einen, sondern zehn verschiedne Menschen. Je nachdem was für ein Tag, was für eine Stimmung gerade vorherrscht.

Insgesamt würde ich sagen, dass es in der Beziehung zu einem Borderliner wenig oder keine Konstanten gibt. Außer dass alles ziemlich inkonstant ist. Der Vorteil: es wird nicht langweilig. Der Nachteil: anstrengend. Für beide, keine Sorge!

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[toggle title=“Wie gehe ich mit einem Borderliner um?“]

Wie gehe ich mit einem Borderliner um?

Was also ist der klügste Weg, mit einem Betroffenen umzugehen? Zu allererst, und das habe ich auch meinem Freund immer wieder gesagt: fühle dich nicht verantwortlich dafür, was da gerade mit deinem Partner/Freund/Kind passiert. Du bist nicht Schuld. Und auch wenn dein Verhalten eine gewisse Reaktion provoziert hat: solange das nicht deine Absicht war, trägst du keine Verantwortung dafür, was in deinem Gegenüber passiert.

Mach dich nicht fertig mit Selbstvorwürfen, was du nun schon wieder getan hast. Der nächste Ausbruch wäre sowieso gekommen. Das soll natürlich nicht heißen, dass du freie Fahrt hast und mit einem Borderliner nach Lust und Laune umgehen kannst. Vielmehr soll es dich von der Last befreien, dich ständig fragen zu müssen «Was habe ich denn nun schon wieder falsch gemacht?» Im Zweifelsfalle nämlich nichts.

Und geht bitte nicht auf jeden neuen Ausbruch ein. Wenn ich gerade rumschreien muss, schreit nicht mit. Das macht es in den meisten Fällen nicht besser. Lasst mich ein paar Minuten toben, meistens hat sich das ganze nach ein paar Minuten wieder beruhigt. Und das nächste Gefühl übernimmt die Kontrolle. Vielleicht will mein seltsames Köpfchen ja jetzt ganz viel Liebe und Kuscheln? Sei gespannt.

Seid nicht vorsichtig mit mir. Nur weil ich meine Stimmungen und Gefühle nicht unter Kontrolle habe, musst du nicht versuchen, deine zu kontrollieren. Aus Angst, was es bei mir auslösen könnte.

Sei nicht böse. Für viele dumme Aktionen und Worte kann ich nichts. Oder wenig. Das ist kein Freifahrschein für uns. Aber du kannst dir sicher sein, dass ich mich von selber ziemlich schlecht fühle, wenn ich mal wieder Opfer meiner Impulse geworden bin.

Sprecht mich an. Ob auf die Narben, auf mein komisches Verhalten – egal. Fragt.

Lasst euch nicht entmutigen. Ja, es ist anstrengend. Ja, manchmal möchtet ihr einfach den Menschen in den Keller sperren. Aber überleg dir mal, wie anstrengend das für uns ist =)

 

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