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Bali – 3| Raufkommen in Munduk

Bali – 3| Raufkommen in Munduk

Kann man sich dran gewöhnen, oder?Lesezeit: 12 minuten

Zwei Wochen im grünen, hügeligen Herzen von Bali. Und wir haben wirklich viel Herzlichkeit, viel Natur, noch mehr Ursprünglichkeit und Ruhe gefunden. Und auch Weihnachten und Silvester dort verbracht.

Blick von unserem Balkon. Kann man sich dran gewöhnen, oder?

Blick von unserem Balkon. Kann man sich dran gewöhnen, oder?

Zwei Wochen Kolonial-Herrinnen-Feeling wie im Südstaaten-Film! Unsere Unterkunft hieß Atres Villas und dabei handelt es sich um mehrere ein- und zweistöckige Gebäude, die locker um ein Reisfeld herum verteilt sind. Und das alles war nochmal umgeben von Reisfelder. Von unserem Balkon konnten wir über all dies hinweg sehen, bis zur Küste und zu den Bergen Javas. Was ein Feeling.

6 Uhr morgens. Die Sonne über Bali geht auf. Und wir genießen den Ausblick, das Licht und die Stimmung.

6 Uhr morgens. Die Sonne über Bali geht auf. Und wir genießen den Ausblick, das Licht und die Stimmung.

Gestört hat da nichts. Außer das Geschrei unserer Nachbarn. Aber die haben nur ihren Reis verteidigt. Vor den Vögeln. Und da es um ihre Lebensgrundlage und Haupteinnahmequelle geht, konnten wir das sehr gut verstehen. Doof war nur, dass die netten Nachbarn damit immer schon um 6 Uhr früh begonnen haben. Die ganze Familie, von der 4- bis zum 70-Jährigen. Jeder schreit was die Kehle hergibt. Wedelt mit Plastikfahnen. Klopft und lärmt was er kann. Den ganzen Tag. Von früh bis spät.

Aber wie gesagt. Verstehen konnten wir es. Manchmal war der Geduldsfaden aber trotzdem ein bisschen angespannter als sonst. Wach waren wir um 6 Uhr aber meistens sowieso schon. Denn in der örtlichen Kirche wurde jeden Morgen pünktlich um 5:30 lautstark per Lautsprecher über Häuser, Köpfe und Hügel hinweg gebetet. Das Vogel-Verscheuch-Geschrei war also quasi nur der Snooze-Ton.

Natur pur!

Normalerweise bin ich kein Fan solcher Aussagen. Aber in diesem Fall komme ich irgendwie nicht drum rum; es fühlt sich einfach so an: wer nicht mindestens zwei Tage in der goldenen Mitte Balis verbracht hat, der hat die Insel nicht gesehen! Und damit meine ich die geographische Mitte. Wo es keinen Strand, sondern Dschungel gibt. Wo kein Meer, sondern Wasserfälle rauschen. Wo man nicht auf Surfer, sondern auf Berge starrt.

Arvid und ich sind nach jedem Umzug auf dieser Insel wieder überrascht, wie sehr sich die einzelnen Teile unterscheiden. Nicht nur was die Natur angeht. Sondern alles. Die Menschen. Die Lebensweise. Die Infrastruktur. Die Sprache. Die Religion. Wir haben eingesehen, dass die Insel noch viel vielfältiger ist, als wir am Anfang gedacht haben.

Wir können einfach nicht genug bekommen - von der Natur, von den Sonnenuntergängen, von den Farben - und von Fotos =)

Wir können einfach nicht genug bekommen – von der Natur, von den Sonnenuntergängen, von den Farben – und von Fotos =)

Die Mitte Balis wird von Bergen und Seen dominiert. Schmale Straßen führen in engen und engeren Kurven in mutigen Steigungen durch die Region. Über allem thronen die Berge. Zwischen 1000 und 3000 Meter hoch. Auf der Straße von Denpasar nach Munduk gibt es einen Abschnitt, der bei gutem Wetter eine besonders tolle Aussicht bietet. Zur einen Seite blickt man auf die Zwillingsseen Danau Buyan und den Danau Tamblingan. Beides Kraterseen. Dementsprechend tief eingebettet zwischen den Bergen rings herum. Und auf der anderen Seite reicht der Blick bis an die Nordküste Balis. Manchmal sogar rüber bis nach Java. Und solche Momente und Stellen gibt es hier überall. Immer wieder anders. Immer wieder schön.

Und womit man vielleicht nicht rechnet: hier oben kann es richtig kalt werden! Unsere Unterkunft lag zwar gerade mal auf 400 Meter über Meereshöhe. Aber so manche Straße, die wir gefahren sind, lag noch deutlich höher. Wenn dann Sonne nicht brennt, dann ist man schon froh über ein Jäckchen und eine lange Hose.

Vielleicht liegt es an unserer Liebe zu den Alpen, dass wir uns hier so wohl und fast heimelig gefühlt haben. Vielleicht hat sich dieser Teil der Insel aber auch einfach noch mehr seinen ursprünglichen Charme erhalten können als der touristisch perfekt erschlossene Süden. Auf jeden Fall waren alle anderen Reisenden, mit denen wir während unseres Aufenthaltes gesprochen haben, auch beeindruckt, gerührt und begeistert von Balis grünem Herz.

Ein ganz eigener Menschenschlag

Was natürlich auch erheblich zu dem großen Wohlfühlfaktor beigetragen hat, waren die Menschen. Noch mehr als in Ubud oder im Süden kann man hier die balinesische Freundlichkeit in ihrer Reinform genießen. Und zur Abwechslung nicht perfekt ausgerichtet auf Touristen. Denn von denen verirren sich nicht viele hierher. Leider. Oder zum Glück. Und wenn sie doch mal herkommen, dann nur für einen Tag. Wenn die wüssten, was sie verpassen.

Das muss fotografiert werden! Carolin, Dom & Arvid versuchen, die magische Kraft der Reisfelder zu fotografieren.

Das muss fotografiert werden! Carolin, Dom & Arvid versuchen, die magische Kraft der Reisfelder zu fotografieren.

Wir haben den Eindruck, dass die „Boles“ – also die Weißen – hier noch nicht als Geldkühe angesehen werden, die man nur melken muss und dann weiter schickt. Ganz einfach weil für solche Geschäfte noch zu wenige davon herkommen. Also läuft hier alles weiter wie gehabt. Es entstehen zwar ein paar Homestays, Hotels und Restaurants, aber das Leben ist nicht auf die Bedürfnisse geldbringender Durchreisender ausgerichtet. Die Leute sind nicht auf die Touristen angewiesen – ganz im Gegensatz zu manch anderer Region.

Das führt dann auch zu so netten Szenen wie beim Wäsche abgeben. Arvid, ganz braver Kunde, will einen Namen oder irgendwas hinterlassen, damit sie die Wäsche wieder richtig zuordnen können. Nein, brauchen sie nicht. „Aber wenn nicht ich sondern meine Freundin zum abholen kommt?“ Darauf die Antwort „Bole? As long as it’s Bole it’s no problem!“ und ein herzhaftes Lachen. Für solche Momente reist man doch gern.

Und egal ob beim Essen gehen, beim Rumfahren, beim Joggen, beim Wassergallone kaufen oder beim Spazieren – immer fallen wir auf. Werden begrüßt, angelacht, abgeklatscht und aus großen Augen angeschaut. Augen, die eine Mischung aus Neugierde, Interesse, Belustigung und Verwunderung ausdrücken. Besonders stark wurde dieser Ausdruck immer dann, wenn wir erzählt haben, dass wir zwei Wochen bleiben. Das war vielleicht immer eine Neuigkeit!

Natürlich hat die ganze Sache auch Nachteile. Aber nur Kleine. Das Zurechtkommen und die Kommunikation sind hier ein bisschen komplizierter als bisher. Ganz einfach, weil Englisch hier nicht annähernd so verbreitet ist, wie in den Touristenzentren. Dafür aber Französisisch.

Warum Französisch? Das haben wir uns auch gefragt. Ganze Speisekarten und Schilderwälder in Französisch. So manch Angestellter in unserer Unterkunft konnte kaum Englisch. Aber besser Französisch als ich zu meinen Schulzeiten. Und auch die klare Mehrheit der Gäste bei uns waren Franzosen. So richtig verstanden haben wir es nicht. Aber schon interessant, wie sich die Nationen so in ihrem Reiseverhalten und -vorlieben unterscheiden.


 


Das Herz und den Norden erkunden

So schön unsere Unterkunft auch lag und war, ab und zu haben wir sie doch verlassen um das grüne Herz und den Norden der Insel so richtig zu erkunden. Mal haben wir uns nur zum örtlichen Wasserfall aufgemacht. Durch Reisfelder und kleine Dörfer, an Tempeln und tollen Ausblicken vorbei.

Ja, in Lovina im Norden Balis dreht sich (fast) alles um Delphine.

Ja, in Lovina im Norden Balis dreht sich (fast) alles um Delphine.

An anderen Tagen ging es runter an die Küste. Nach Singaraja und Lovina. Früher, vor allem während der Kolonialzeit, war hier das Zentrum der Macht. Der größte Hafen. Die meiste Industrie. Die meisten Besucher. Heute, wo der ganze Tross in den Süden der Insel gezogen ist, spürt man an jeder Ecke den Hauch vergangener, besserer Tage. Noch dazu ist die ganze Nordküste sehr trocken. Und sehr heiß.

Lovina kann sich noch damit rühmen, dass man hier wunderbar Delphine beobachten kann. Darum dreht sich hier dann aber auch fast alles. Am Strand entlang führt ein (teilweise noch) gepflasterter Weg. Vorbei an Hotelruinen, verlassenen Holzhütten und dem ein oder anderen Laden, der sich halten konnte. Man fühlt richtig, wie hier früher die feinen Damen der Gesellschaft mit ihren langen Kleidern entlang flanierten, den Schatten der extra gepflanzten Bäume und den Blick auf’s Meer genossen haben, während sie über die anderen feinen Damen der Gesellschaft gesprochen haben.

Mal sind wir ohne ein Ziel losgecruist – einfach nur schauen und genießen. Mal mit einem Ziel wie Wasserfall, Seeufer oder Markt. Mal waren wir zu einer Tempeleinweihungszeremonie eingeladen, mal sind wir in eine Bestattungszeremonie gestolpert. Mal sind wir extra früh aufgestanden, um zum Pura Ulun Danu Bratan zu fahren. Einem Tempel am Seeufer, der so ziemlich auf jedem Reiseführer über Bali abgebildet ist. Leider war der See aufgrund mangelnder Regenzeit so ausgetrocknet, dass der Anblick eher trostlos als beeindruckend war. Dafür waren wir begeistert, wie wach diese Insel bereits vor 6 Uhr morgens sind. Kinder gehen zur Schule, Frauen zum Markt, Opfergaben werden verteilt – überall wuselt es. Toll!

Leider hat uns während unserer Zeit in Atres der ein oder andere schlechte Tag in die Magengrube geboxt. So waren wir nicht immer so entdeckungsfreudig und energiegeladen, wie wir es vielleicht gewesen wären. Aber wenn der Bali Belly mal zuschlägt, dann lässt man es lieber ruhig angehen. Und hofft ganz doll auf schnelle Besserung.

Weihnachten und Silvester

Umzug nach Munduk – oder genauer: Banyuatis – war am 23. Dezember. Wir sind also mit der neuen Unterkunft direkt ins Weihnachtsfest gestolpert. Und es war schön. Ganz anders, als daheim. Aber wie sollte es auf Bali bei 35° auch nur annähernd Ähnlichkeit damit haben. Wir wollten uns was schönes gönnen und darum zu Weihnachten ein Picknick à la Heimat machen.

Unser Weihnachts-Festessen! Käse, Brot und Rumkugeln. Mit Blick auf unser Häuschen!

Unser Weihnachts-Festessen! Käse, Brot und Rumkugeln. Mit Blick auf unser Häuschen!

So sind wir also am 24. Dezember früh am Morgen mit dem Roller los, um in der Lovina Bakery (unter deutscher Führung) Käse, Brot und neuseeländischen Wein zu kaufen. Alles Dinge also, die man sich hier normalerweise nicht leistet. Weil sie einfach absurd teuer sind. Aber an Weihnachten kann man’s ja mal machen.

Auf dem Rückweg wurden wir das erste Mal so richtig fies von einem Regenschauer auf dem Roller erwischt. Also, Regenjacken an. Visier runter. Und los. Die Fahrt war dann sehr abenteuerlich. Nicht nur wegen Regen, Wind, Nebel und auch Kälte. Sondern auch, weil wir einen anderen Weg als runter gewählt hatten. Und dieser stellte sich als von GoogleMaps fälschlicherweise als richtige Straße interpretiert heraus. Zum Glück hat Arvid inzwischen einiges an Rollererfahrung sammeln können, so dass wir beide heil in Atres angekommen sind. Natürlich genau dann, als es aufhörte, zu regnen. So stellt man sich Weihnachten auf Bali doch vor, oder?

Bis Abends war das schlechte Wetter glücklicherweise ein riesiges Stück weiter gezogen. Und so konnten wir unser Weihnachtsessen bei Sonne und mit Blick auf Reisfeld und Palmen genießen. Der Käse war hervorragend. Das Baguette besser als daheim. Und der Sauvignon Blanc schön gekühlt. Ein Essen wie Gott in Bali! Abends gab es dann noch Schnaps und Gebäck von unseren Gastgebern. So schnell werden wir dieses Weihnachten auf jeden Fall nicht vergessen!

Hallo 2016! Wir betröten dich aus vollem Hals. Macht man hier auf Bali wohl so =)

Hallo 2016! Wir betröten dich aus vollem Hals. Macht man hier auf Bali wohl so =)

Auch Silvester haben wir „bei uns daheim“ verbracht. Denn wir wurden vom Management zur Party mit Buffet eingeladen. Und zwar wirklich eingeladen. Zahlen dürften wir nicht. Weil wir zwei Wochen bleiben und somit special guests im wahrsten Sinne des Wortes sind.

An diesem Abend haben wir das erste Mal das berühmt (berüchtigte) Babi Guling probiert. Schwein am Spieß. Eine Spezialität hier. Und dazu gab es jede Menge anderer lokaler Leckereien. Das herzhafte war leider fast alles VIEL zu scharf für mich – was hier auf Bali eigentlich selten vorkommt, denn so scharf würzen die hier nicht. Aber es gab Gott sei Dank auch jede Menge süße Leckereien, wie Klebreis und Dadar Guling – grüne Pfannkuchen mit Kokosfüllung.

Die Zeit zwischen Essen und Mitternacht haben wir dann im Kreise einer fünfköpfigen französischen Familie verbracht. Jedes Jahr in den Weihnachtsferien fahren sie zusammen weg und haben so schon die halbe Welt gesehen. Nach unzähligen Runden exzessiven Kartenspielens haben wir gemeinsam um Mitternacht das Feuerwerk über den Reisfeldern bewundert, in unsere glitzernden Papptröten geblasen und so das neue Jahr begrüßt! Auch ganz anders, als wir es uns nicht vorgestellt hatten – aber ebenso unvergesslich.

Die Borderline schlägt zu

Und wie sollte es anders sein, natürlich hat sich neben dem Bali-Belly auch die treue Borderline hin und wieder in mein Wohlbefinden eingemischt. Unter anderem an einem wunderbaren Tag, als wir Carolin und Dom kennengelernt haben, die ebenfalls in den Atres Villen Unterkunft gesucht und gefunden hatten. Sie Spanierin, er Brite. Arbeiten von unterwegs und sind schon seit sehr vielen Monaten auf Reisen.

Grün, Hügel, Seen - kühl. Wie man an meiner Kleidung sehen kann.

Grün, Hügel, Seen – kühl. Wie man an meiner Kleidung sehen kann.

Wir haben uns am selben Tag zum selben Wasserfall aufgemacht und sind so früher oder später nebeneinander hergelaufen und ins Reden gekommen. Sehr interessante Geschichten, die beiden. Wir konnten uns gegenseitig ein paar Tipps zum Arbeiten unterwegs geben. Alles in allem wirklich eine tolle Begegnung, die auch mit dem Tausch von Kontakt- und facebook-Daten einherging.

Nach der Runde zum Wasserfall und einer Runde frisch machen ging es dann kurz darauf weiter mit einer Runde Bier, die wir gemeinsam den Blick genießend auf unserem kolonialherrschaftlichen Balkon eingenommen haben. Dazu mehr Gespräche über die DDR, Weltpolitik und das Leben auf Reisen. Je später der Abend wurde, desto lauter wurde jedoch eine Stimme in mir, die sagte „Die finden euch eigentlich doof. Die denken ihr seid langweilig. Die wollen am liebsten sofort weg von euch und auf ihr Zimmer!“ und so weiter.

Am Anfang konnte ich das zarte Stimmchen noch ignorieren bzw. mit meiner überlegenen Ratio in Schach halten. „Wenn sie uns so doof fänden wäre Dom wohl kaum mit drei Flaschen Bier zu uns hoch gekommen“ und so weiter. Aber je später der Abend desto unsicherer wurde ich. Und desto sicherer wurde ich, dass die mich bzw. uns blöde finden. Oder dachten, wir wären interessant und jetzt aber merken, dass wir es doch nicht sind. Lauter solche Gedanken. Das geht dann am Ende soweit, dass ich mich kaum noch aufs Gespräch konzentrieren kann, weil ich nur noch damit beschäftigt bin. Und damit, der Situation irgendwie zu entkommen.

Wahnsinn! Was die Sonne hier jeden Abend aufs Neue für eine Show abzieht! Und das ist nur das, was das iPhone aus den Farben macht...

Wahnsinn! Was die Sonne hier jeden Abend aufs Neue für eine Show abzieht! Und das ist nur das, was das iPhone aus den Farben macht…

Ich kenne das, sowas haut mein Kopf mir ständig um die Ohren. Neu war allerdings, dass Arvid in diesen Strudel mit reingezogen wurde. Normalerweise bleibt er außen vor, denn er ist ja toll, ihn mögen die Leute ja. Das war also neu. Alles andere war bekannt. In der Situation konnte ich dieses Mal nichts tun. Aber danach. Und zwar mit Arvid reden. Ihn fragen, ob es ihm ähnlich ging. Oder ob das alles nur Hirngespinst war. Mit durch ihn wieder einen realistischeren Blick auf die Dinge holen. Und das hilft. Mir im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf wieder ein wenig zurechter rücken.

Aber auch das wird mir nicht dabei helfen, dass soziale Situationen und Interaktionen – besonders mit völlig Fremden – einfach schwer für mich sind. Und anstrengend. Mein Kopf feuert dann ohne Pause. Und in alle Richtungen. Von „Wow – diese Person ist so toll! Das wird eine Freundschaft für’s Leben!!!!“ (nach 5 Minuten Bekanntschaft) bis zu „Oh mein Gott – jeder hier findet dich scheiße. Geh einfach sofort damit sie in Ruhe über dich reden können.“

Besonders gemerkt habe ich das, als wir per Zufall in eine Bestattungszeremonie geraten sind und anschließend zum Essen eingeladen wurden. Alle fünf betroffenen Familien hatten sich zusammengetan. Weit über 100 Leute waren dort, es gab Essen ohne Ende, jede Menge Dekoration, fünf Priester und ein Gamelanorchester. Eine einmalige Gelegenheit. Ein 12-jähriges Mädchen – eine der wenigen Anwesenden, die des Englischen etwas mächtig war – hat sich uns angenommen. Uns ein wenig herumgeführt, uns was zu Essen in die Hand gedrückt und so weiter.

Klingt toll? War es bestimmt auch. Für mich aber mehr Tortour als alles andere. Die Balinesen sind nun mal sehr gastfreundlich. Und es mag sein, dass es kaum jemanden gestört hat, dass wir dort waren. Eher das Gegenteil. Das Problem bei mir ist aber, dass ich so feinfühlig für die Stimmungen und Gefühle anderer bin, dass ich in dieser Menge an Menschen genau die zwei Stück finden werde, die nicht ganz so begeistert sind von unserer Anwesenheit. Und diese beiden überstrahlen dann die Menge an freundlichen und „Willkommen“-sagenden Gesichtern.

In diesem Fall überdeckt das Buchcover wirklich die Realität - Schade. Aber trotzdem ein schöner Tempel

In diesem Fall überdeckt das Buchcover wirklich die Realität – Schade. Aber trotzdem ein schöner Tempel

Ich fühle mich beobachtet – und irgendwie schäme ich mich. Dass ich nicht einfach locker neben den Frauen sitzen kann und mit ihnen plaudere. Dass ich vielleicht nicht so aufregend bin, wie sie sich eine Deutsche immer vorgestellt haben. Dass ich eben keine Idealbesetzung für eine Rolle bin, von der ich eigentlich gar nicht weiß, wie sie auszusehen hat. Lauter so Zeug schießt in meinem Kopf hin und her. Dazu trage ich ein verkrampftes Lächeln – man will ja höflich sein. Und bei nächster Gelegenheit muss ich Arvid sagen, dass wir jetzt gehen müssen weil ich einfach nicht mehr kann.

Das alles ist scheiße. Und schade. Nicht nur, weil Arvid tolle Fotos und mir tolle Erfahrungen entgehen. Aber im Moment arbeite ich nicht mehr daran, mich ändern zu wollen. Sondern zu akzeptieren, dass ich so bin. Dass es mir schwer fällt, mich in eine große Horde fremder Menschen zu stellen die gerade eine wichtige Zeremonie abhalten und deren Sprache ich nicht spreche. Aber das ist lange nicht so einfach, wie es sich hier so schreibt.

Und zwischendrin blitzt noch oft genug das Bild von der Person auf, die ich wohl manchmal gerne wäre. Die kein Problem hat, mit solchen Situationen. Die locker mit den Leuten ins Gespräch kommt. Sich am Büffet bedient und sich durch die Räume bewegt. Aber das bin einfach nicht ich. Meine Rolle ist eine andere. Mehr beobachtend, vielleicht sogar etwas introvertiert und schüchtern – dadurch fallen mir aber auch viele Dinge und Kleinigkeiten auf, die die meisten Menschen verpassen. Ich muss jetzt nur noch akzeptieren, dass ich so bin und dass es gut so ist. Und nicht länger versuchen, die Lücke zwischen Vorstellung und Realität krampfhaft zu füllen.

Kein Bali ohne Berge!

Zu besonderen Anlässen wird hier auf Bali ein ganzes Schwein gegrillt - und an Silvester haben unsere Gastgeber uns dazu eingeladen. Eine Erfahrung.

Zu besonderen Anlässen wird hier auf Bali ein ganzes Schwein gegrillt – und an Silvester haben unsere Gastgeber uns dazu eingeladen. Eine Erfahrung.

Wir wissen jetzt also: Bali ist nicht nur Strand. Bali ist auch Berge. Und in der Mitte Balis scheint die Welt sich wirklich etwas langsamer zu drehen, als drum herum. Und wir haben uns angepasst. Haben uns langsam mitgedreht und den Schwung und das Vibrieren, dass über dem ganzen Süden zu liegen scheint, bald abgelegt.

Nach der heimlichen Kulturhauptstadt Ubud, dem trendigen und wuseligen Süden und dem ruhigen, kühlen Munduk geht es als nächstes weiter an die Ostküste. Dort soll es etwas rauer sein, sowohl die Natur als auch die Menschen. Wir sind gespannt und verlassen Atres mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

 

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