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Alle Achtung, Achtsamkeit!

Alle Achtung, Achtsamkeit!

Achtsamer Freudensprung | Ja, man kann auch achtsam springen.Lesezeit: 14 minuten

Achtsamkeit hat mein Leben verändert. Das ist keine Übertreibung. Sondern Tatsache. Achtsamkeit ist für mich die Grundlage jeder Besserung. Ausgangspunkt für Veränderung. Und inzwischen fester Bestandteil meines Alltags. Wie es dazu gekommen ist, wie ich sie in mein Leben einbaue und was Achtsamkeit (nicht) mit Meditation zu tun hat.

Achtsamer Freudensprung | Ja, man kann auch achtsam springen.

Achtsamer Freudensprung | Ja, man kann auch achtsam springen.

Morgens um 7:15. Eine Klinik in Hamburg. Eine Tür öffnet sich. 15 Menschen kommen hinaus. Ins Foyer. Gehen im Kreis. Keiner sagt ein Wort. Nach einer Minute verschwinden sie alle wieder auf demselben Weg. Die Tür schließt sich. Das ist Achtsamkeit.

Und genau so wie ihr gerade vermutlich guckt und euch denkt „Was soll denn der Schwachsinn?“ ging es mir am Anfang auch. Ich konnte nichts damit anfangen, meinen Atem zu beobachten. Ich habe nicht verstanden, wie mir achtsames Sitzen auf einem hässlichen Klinikstuhl bei meinen Probelmen helfen soll. Und ich fand es doof, mit den anderen Patienten achtsam im Kreis zu gehen.

Niemals hätte ich geahnt, wie sehr die Achtsamkeit mein Leben verändern würde. Wie viel Positives sie in mein Leben bringen würde. Wie dankbar ich noch für jede einzelne Achtsamkeitsübung im Kliniksetting sein würde.

Wenn ihr also am Anfang Probleme damit habt, achtsam zu sein. Wenn ihr euch denkt „Das mach ich jetzt nicht. Das ist doch total doof! Ich komme mir einfach nur bescheuert vor.“ Dann sage ich: das ist normal. Lasst euch drauf ein, probiert mal aus und dann sprechen wir uns in ein paar Wochen wieder!

Aller Achtsamkeits-Anfang ist schwer

Das erste Mal wirklich mit dem Thema Achtsamkeit in Berührung gekommen bin ich also während meiner dreimonatigen stationären Therapie in Hamburg. Ich hatte schon mal von Achtsamkeit gehört. Auch schon was drüber gelesen. Aber wirklich gewusst, was mich erwarten würde, habe ich nicht.

Anfangs habe ich sehr mit der ganzen Sache gekämpft. Nicht nur fand ich manche Übungen albern oder sinnlos. Auch hatte ich gar keine Lust darauf. Vor allem nicht auf den Teil der Achtsamkeit, wo ich mich mit mir selbst beschäftigen musste. Für jemanden, der um jeden Preis verhindern möchte, seinen eigenen Gedanken und Gefühlen gegenüberzutreten, ist Achtsamkeit wohl das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Aber die Therapeuten hatten gute Tricks, Mittel, Wege und Übungen, um mich und meinen störrischen Kopf immer näher an den Kern der Sache heranzuführen.

Aber mal ganz kurz zur Begriffsklärung: Was ist denn nun Achtsamkeit? Achtsamkeit bedeutet, ganz im Hier und Jetzt zu sein. In Gedanken nicht bei gestern oder schon bei übermorgen, sondern wirlich im gegenwärtigen Moment. Innen wie außen. Mit dem Kopf und mit dem Körper. Und das ist genau so schwer, wie es sich anhört. Aber wie so vieles andere eine Sache, die man lernen kann.

Am Anfang ist mir jede Art der Achtsamkeit extrem schwer gefallen. Mein Kopf wollte einfach keine Ruhe geben. Konnte sich nicht 30 Sekunden lang auf eine Sache konzentrieren. Immer ploppten Gedanken in meinen Kopf. Ziemlich frustrierend. Mir kamen dann zwei Sachen zu Gute: so schnell gebe ich nicht auf! Und: in der Klinik gab es nicht nur jeden Morgen und jeden Abend eine Achtsamkeitsübung. Sondern mehrmals die Woche auch ganze Einheiten, die sich nur mit äußerer und innerer Achtsamkeit beschäftigen. Es gab also kein Entkommen. Und im Nachhinein muss ich sagen: das war verdammt gut so. Und ich bin trotz aller Anfangsfrustrationen saufroh, dass ich bei der Stange gehalten wurde. Und geblieben bin.

Dein Gehirn findet Multi-Tasking doof

Woher kommt es, dass ich und viele andere Leuten so schwer einen Zugang zur Achtsamkeit bekommen? Meine Vermutung: wir bekommen von allen Seiten gepredigt, wie toll Multi-Tasking doch ist. Beim Bügeln soll man am besten einen spanischen Sprachkurs hören und Yoga-Posen üben. Es ist „nicht normal“ sich nur mit einer Sache zu beschäftigen. Vor allem wenn diese Sache eine Kleinigkeit wie eine Erdbeere, eine Tasse Kaffee oder die Zahnbürste ist.

Aber nicht nur die Wissenschaft, sondern mit Sicherheit auch der ein oder andere von euch, hat inzwischen erkannt: unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Es kann es schlichtweg nicht. Selbst der beste Multi-Tasker schaltet einfach nur ganz schnell zwischen den einzelnen Sachen hin und her. Klingt anstrengend? Frag mal dein Gehirn. Kein Wunder, dass wir am Ende schlecht gebügelte Wäsche im Schrank, Schmerzen im Knie von unsauberen Yoga-Posen und keine Erinnerung mehr an die eben gehörten Spanisch-Vokabeln haben.

Ja, unser Gehirn steht auf Sparmaßnahmen. Wann immer es geht möchte es den Autopiloten anstellen. Das ist oft auch gut so. Es ist gut, wenn ich nicht jeden Morgen eine halbe Stunde in der Küche stehe, weil ich überlegen muss, wie ich mein Müsli mag, wo die Zutaten sind und woher ich den Löffel hole.

Blöd ist nur, dass der Autopilot dann auch weiter läuft, während wir essen. Das geht ja auch von alleine, keine besonderen kognitiven Leistungen nötig. Also denkt man über den kommenden Tag nach anstatt sein Müsli zu genießen. Wir müssen unserem Gehirn also beibringen, dass wir den Autopiloten in Zukunft ein bisschen öfter abstellen wollen. Wir erwarten dafür nicht viel – nur die volle Konzentration auf den Moment.

Am Anfang wird dein Kopf denken und sagen „Ach komm, der Autopilot ist doch super! Ich spare Energie und du kannst dich schon mal auf dein Meeting vorbereiten.“ Mit ein wenig Übung und Ausdauer wird daraus bald „Leckeres Müsli! Die Erdbeeren sind so süß und frisch und kalt. Und die Kürbiskerne knacken so schön, wenn wir drauf beissen.“

Weniger mulit-taskender Autopilot. Mehr konzentriertes selber steuern. Das ist Achtsamkeit.

Hamburg meine Achtsamkeitsperle

Mittlerweile findet Achtsamkeit nicht nur im Rahmen der Dialektisch-Behavioralen-Therapie (DBT) – wie sie auch in Hamburg praktiziert wurde – weltweit Anwendung. Der „Klassiker“ des Achtsamkeitstrainings, die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction MBSR), ist inzwischen fester Bestandteil zahlreicher Therapieansätze. Von Sucht über Depression bis zu Migräne und Diabetes.

Wie ihr wisst möchte ich euch auf meiner Seite gerne meine Sicht der Dinge schildern. In lebhaften Worten, Tönen und Farben. Manchmal hilft es aber einfach, ein bisschen „trockene“ Information zu bekommen. Zum Thema DBT und Achtsamkeit habe ich auf www.achtsamleben.at einen wunderbaren Text gefunden. Den ich euch hier auf meiner Seite präsentieren darf. Darin erfahrt ihr, warum Achtsamkeit so zentral für den Erfolg der Therapie ist. Und noch vieles mehr.

Auch in Hamburg wurde die Achtsamkeit in innere und äußere Achtsamkeit aufgeteilt. Zu beiden Bereichen gab es regelmäßige Gruppen und Sitzungen. Darüber hinaus gab es zwei mal am Tag feste Achtsamkeitsübungen. Jede Woche gab es ein anderes Achtsamkeitsmotto, welches in den täglichen Übungen und auch in den Gruppen aufgegriffen wurde. Mal war es „Achtsames Gehen“ mal „Achtsames Sehen“ und so weiter. Zusätzlich wurde man dazu angehalten bzw. ermutigt, selber Achtsamkeitsübungen in den Tagesablauf zu integrieren.

Mir fielen die Aufgaben in der „Sinnesgruppe“, die sich mit der äußeren Achtsamkeit beschäftigte, gerade am Anfang sehr viel leichter, als mich mit meinen Gedanken und Gefühlen zu befassen. Überhaupt finde ich, dass sich dieser Teil besser dazu eignet, um einen Zugang zur Sache zu bekommen.

Äußere Achtsamkeit bedeutet, sich auf seine Sinne zu konzentrieren. Auf die Welt um einen herum. 10 Minuten still sitzen, Augen zu und einfach nur Hören. Oder sich drauf konzentrieren, wie sich Gehen eigentlich anfühlt. Oder Dinge mal achtsam zu betrachten, die man jeden Tag sieht oder in der Hand hält. Eben alles achtsam wahrnehmen, was uns umgibt.

In der zweiten Gruppe namens „Innere Achtsamkeit“ lag der Fokus dann bei den eigenen Gedanken und Gefühlen. Wahrzunehmen, was ist. Einzuordnen, welches Gefühl gerade vorliegt – für Borderliner eine extrem schwierige Aufgabe. Oft spürt man nur, dass da irgendwas ist, wahrscheinlich ein Gefühl – aber was genau da in einem brodelt, wirbelt oder einen nach unten saugt, kann man oft gar nicht so genau sagen.

Nicht vor den Gedanken und Gefühlen weglaufen, sondern bewusst hinschauen. Sehr ungewohnt. Vieles im Alltag läuft eben einfach automatisch ab. Oder man nimmt sich einfach nicht die Zeit, wirklich zu prüfen, was gerade in einem vorgeht. Oder man möchte sich schlichtweg nicht mit dem beschäftigen, was da oben so an Erinnerungen, Bildern und Sorgen auftaucht.

Heute frage ich mich oft so Dinge wie „Was brauche ich gerade?“ – „Soll ich das jetzt wirklich tun?“ – „Habe ich wirklich Lust darauf?“ und so weiter. Dadurch habe ich erkannt, wie oft ich Dinge getan habe, die ich eigentlich gar nicht tun wollte. Einfach nur, weil ich dachte, ich müsste das jetzt so machen. Und weil ich oft einfach nicht wusste, was ich eigentlich will.

Sobald ich aus der Klinik raus war hatte ich natürlich nicht mehr zwei Mal die Woche Achtsamkeits-Sitzungen. Jetzt lag es also an mir, das Gelernte in den Alltag zu retten und weiter zu entwickeln. Zu diesem Zweck habe ich einerseits ein paar Übungen aus der Therapie fortgeführt. Und andererseits mit einem kleinen Büchlein samt CD gearbeitet.

Und ich habe Arvid angesteckt. Worüber er glücklicherweise sehr erfreut ist. So kann man uns zum Beispiel bei so manchem Essen zusehen, wie wir uns gegenüber sitzen und schweigen. Mit geschlossenen Augen kauen. Die Nahrung auf unserer Gabel sehr genau betrachten. Dran riechen.

Heilung durch Achtsamkeit

Wenn man als beschriebenes Blatt anfängt, sich mit innerer Achtsamkeit zu beschäftigen, dann tauchen da auch ganz schön viele Sachen auf, die man sonst immer so schön beiseite geschoben hat. Gerade am Anfang sind das die Momente, in denen man sich sagt „Da hab ich keinen Bock drauf! Ich möchte das einfach weiter in den Kellern meiner Seele verstecken.“

Durch Achtsamkeit habe ich gelernt, mich mit allem zu beschäftigen, was mein Kopf so produziert. Das ist nicht immer schön. Ich habe mal gesagt „Früher bin ich einfach blind vor meinen Dämonen davon gelaufen – durch Achtsamkeit habe ich gelernt, mit ihnen zu tanzen.“ Und genau so ist es. Und es fühlt sich gut an, nicht ständig gegen den eigenen Kopf kämpfen zu müssen.

Ich habe mir die Kontrolle zurückgeholt. Durch die Fähigkeit, mich ganz ins Hier und Jetzt zu holen, kann ich Gedankenspiralen und Luftschlössern einen Riegel vorschieben. Was nicht bedeutet, dass es nicht auch Teil meiner Achtsamkeit ist, manchmal in die dunklen Ecken meines Kopfes zu leuchten, um zu sehen, was da eigentlich so passiert. Aber ich klebe nicht mehr an den Bildern und Gefühlen fest. Wenn ich mich ausreichend mit beschäftigt habe, kann ich sagen „So, und jetzt genieße ich es, hier zu sitzen und diesen Keks zu essen“ oder so.

Nachdem ich mich mit der Achtsamkeit auf äußerem Niveau irgendwann angefreundet hatte, habe ich mich das erste Mal hingesetzt, die Augen geschlossen, und mit voller Kraft an eine sehr unangenehme und schmerzhafte Geschichte aus meiner Vergangenheit gedacht. Nach ganz vielen Jahren des Wegschauens habe ich bewusst meinen Blick auf diese Sache gerichtet.

Für mich war das Folgende dann wirklich so etwas wie eine Erleuchtung: während dieser 15 Minuten habe ich begriffen, was genau ich da eigentlich nicht sehen, nicht fühlen und nicht denken wollte. In meiner nächsten Einzelsitzung mit meiner Psychologin habe ich es dann zur Sprache gebracht – und seitdem musste ich nie wieder vor diesem Gedanken weglaufen.

Solange die Borderline mich noch so richtig fest im Griff hatte verloren sich 99% meiner Gedanken entweder ganz tief in der Vergangenheit. Oder in der Zukunft bei Problemen die noch gar nicht da waren. Ich wurde von meinem Kopf weggetragen und hatte keine Kontrolle, wohin die Reise geht. Die meiste Zeit habe ich versucht, meinen Kopf auszuschalten. Zu übertönen. Immer Musik auf den Ohren. Ohne Fernseher einschlafen war unmöglich.

Durch all dieses ausblenden, vorausrennen, zurückschauen habe ich aber leider ganz schön viel Leben verpasst. Durch Achtsamkeit ist meine Vergangenheit jetzt nicht plötzlich perfekt. Oder es warten in der Zukunft keine Probleme mehr auf mich. Aber was Achtsamkeit schafft ist, dass ich mich trotz dieser beiden Dinge voll und ganz auf den jetzigen Moment konzentrieren kann.

Es geht nicht darum, nicht mehr über die Zukunft nachzudenken oder nicht mehr in glücklichen Erinnerungen zu schwelgen. Sondern darum, es kontrolliert zu tun. Dem Kopf nicht erlauben, die Richtung vorzugeben. Sondern die Fähigkeit zu haben, selber zu entscheiden, ob der Kopf nach vorne, hinten – oder gar nicht rennt.

Vielleicht habe ich mich gestern beim Essen mit den Kollegen lächerlich gemacht, weil ich mir Ketchup aufs T-Shirt gekleckert habe. Vielleicht habe ich morgen eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt, die höchstwahrscheinlich sehr unangenehm werden wird. Aber jetzt, in diesem Moment, sitze ich mit meinem liebsten Menschen zusammen. Die Sonne scheint. Das Essen schmeckt. Wir unterhalten uns angeregt. Was bringt es mir, diesen schönen Moment durch unnötiges Vor- oder Zurückrennen zu verpassen? Oder ihn sogar zu ruinieren?

Achtsamkeit bedeutet für mich also: im Hier und Jetzt zu sein. Ein Essen mit allen Sinnen wahrzunehmen. Eine Aussicht so konzentriert wahrzunehmen, dass ich kein Foto mehr brauche. Meinem Gegenüber die Ehre und den Respekt zu erweisen, mich voll und ganz auf ihn zu konzentrieren. Und nicht über den dringenden Einkauf oder den anstehenden Arzttermin nachzudenken.

Achtsamkeit und Meditation – Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Achtsamkeit und Meditation werden oft gleichgesetzt, vermischt, durcheinandergebracht, verwechselt und missverstanden.

Ich finde, Meditation ist eine Art Erweiterung oder Add-On zur Achtsamkeit. Achtsam kann man in jedem Moment seines Lebens sein. Egal ob man isst, fährt, redet, arbeitet, faulenzt oder fernsieht. Mit der Meditation sieht das schon anders aus.

Für mich bedeutet Meditation aber auch, sich 10, 15 oder 20 Minuten still hinzusetzen. Die Augen zu schließen. Keinen Mucks und keine Move zu machen. Und zu atmen. Oder einer Klangschale zuzuhören. Oder Metta zu praktizieren.

Ja, in vielen Büchern, Kursen oder im Internet gibt es Anleitungen für Mini-Meditationen. Kurze Übungen, die man auch in der U-Bahn machen kann. In anderen Büchern heißen diese kurzen Einheiten dann Achtsamkeitsübung. Ihr seht, die Grenzen sind fließend. Wenn ich von Meditation schreibe, meine ich immer den Klassiker. Im Schneidersitz auf dem Boden hockend. Alles andere ist für mich Achtsamkeit.

Zum Meditieren muss man achtsam sein. Vielleicht ist Meditation sogar so etwas wie die Königsdisziplin der Achtsamkeit? Ich kann mich nicht hinter einem Sinn verstecken, hinter einem äußeren Reiz, den ich achtsam betrachte. Ich bin alleine mit meinem Kopf.

Von heute auf morgen mit Meditation anzufangen stelle ich mir allerdings schwieriger vor, als mit Achtsamkeit zu starten. Ganz einfach, weil Achtsamkeit flexibler ist. Alltagstauglicher. Und weniger Ausreden zulässt. Und vielleicht wird es dir dann wie mir gehen, dass dich die ganze Sache so packt und du dich eines Tages mit einem 20-minütigen Meditationstimer in deinem Wohnzimmer wiederfindest.

Achtsamkeit im Alltag – so geht’s

Wenn man mit der Achtsamkeit anfangen möchte, ist das schwierigste, sich im normalen Tagesablauf daran zu erinnern. Es braucht eine Weile, bis der Kopf und der Körper das neue Konzept verstehen und annehmen können. Deshalb empfehle ich zum Einstieg folgende Dinge:

1. Hilfe von außen

Bücher, CDs und vor allem Apps können einen beim Einstieg helfen. Gerade die moderne Technik und die Tatsache, dass wir unsere klugen Telefone praktisch immer bei uns haben, könnt ihr hier zu eurem Vorteil nutzen. Es gibt zahlreiche Apps die anbieten, euch durch Töne oder kurze Nachrichten über den Tag verteilt immer mal wieder an Achtsamkeit zu erinnern. Wie oft, ob regelmäßig oder zufällig, mit Ton oder ohne – das kann man alles selber festlegen.

Bücher und CDs können einem dabei helfen, passende Übungen zu finden. Man braucht eine Weile, bis man rausgefunden hat, welche Übungen zu einem passen. Unter Anleitung ein bisschen rumprobieren kann da sehr hilfreich sein. Und eine Stimme von außen hilft gerade am Anfang, leichter bei der Sache zu bleiben. Außerdem helfen ein herumliegendes Buch oder eine gekaufte CD noch zusätzlich beim anfänglichen Erinnern. Wenn der Blick zufällig übers Cover streift.

Außerdem hilft es enorm, wenn man den Partner, die Familie, Freunde oder Kollegen mit der Idee anstecken. Sich gegenseitig anstacheln. Dran erinnern. Gemeinsam Freude dran entwickeln.

2. Alltagsroutine

Neben diesen Helferlein finde ich besonders gut, wenn man sich für den Start ins achtsame Leben Dinge im Alltag raussucht, die man sowieso jeden Tag macht.

Für mich der Klassiker: Zähne putzen. Das macht man zwei Mal am Tag – hoffentlich jedenfalls. Je nach Fleiß sind das circa vier bis sechs Minuten, die ich mit einer Tätigkeit verbringe, bei der ich normalerweise über die doofe Kollegin, den dringenden Einkauf oder den Müll nachdenke. Probiert mal aus, euch wirklich nur aufs Zähne putzen zu konzentrieren. Wie fühlt sich der Schaum im Mund an? Wie die Bürste auf den Zähnen? Wie bewegt sich der Arm? Wie schmeckt die Zahnpasta.

Wenn man erstmal merkt, wie sehr Achtsamkeit selbst eine solch langweilige und tausend Mal absolvierte Routine wieder interessant macht, dann will man bald mehr. Zu Beginn ist es aber einfach hilfreich, die beiden Dinge Routine und Achtsamkeit ganz fest zu verknüpfen. Um erstmal überhaupt anzufangen.

Ihr seht, mehr oder weniger profane Dinge, die man aber wie automatisch fast jeden Tag tut. Und genau darum geht es, den Autopiloten abzuschalten, und wirklich wahrzunehmen, was gerade ist. Welche Bewegungen macht mein Körper? Wie warm ist das Wasser? Rieche ich etwas besonderes?

Treppe steigen, das Geschirr spülen, den Briefkasten leeren, Haare kämmen, Schuhe zubinden, Tee kochen – alles Dinge, die wir selten bewusst machen.

3. Sinne auf!

Und da sind wir auch schon beim nächsten Punkt: den Sinnen. Wie oben beschrieben ist für den Einstieg am leichtesten, sich auf äußere Reize zu konzentrieren. Wenn man mal einen Anfang gefunden hat, dann wird euch bald auffallen, wie viele Möglickeiten so ein normaler Tag einem eigentlich zum Achtsam-Sein gibt.

Beim Warten auf den Bus oder die Bahn ein paar Schritte achtsam gehen.
Wie rollt mein Fuß ab? Wie fühlt sich der Boden an?

Beim Essen den Fernseher abschalten, das Handy weglegen.
Wie riecht mein Essen? Wie fühlt es sich auf der Zunge an? Was schmecke ich?

Beim Sitzen in der U-Bahn Leute beobachten statt das Handy anzustarren.
Was machen die Menschen um mich rum? Wie sind sie gekleidet? Wer fällt mir auf? Und warum?

Den Sinnen Futter geben. Die Umwelt auf sich einwirken lassen. Beschreiben, was man sieht, schmeckt, hört, fühlt und riecht. Worte finden. Ohne zu Bewerten – wenn möglich.

und so geht es dann weiter

Mit der Zeit werdet ihr feststellen, dass ihr immer öfter erfolgreich euren Autopiloten abstellt. Ihr merkt, was gerade passiert. In euch selber. Und um euch herum. Ihr merkt, wie oft ihr eigentlich ganz woanders seid. Und wie viel ihr dadurch verpasst.

Ihr werdet lernen, nicht mehr wegzulaufen und zu ignorieren – sondern bewusst hinzuschauen. Und wenn die Dinge, die euch aus der Gegenwart wegtragen, einen Namen und ein Gesicht haben, fällt es leichter, mit ihnen zu arbeiten. Probleme und Baustellen klarer zu sehen. Wenn nötig Maßnahmen zu ergreifen, Änderungen einzuleiten. Und dann wieder den Moment zu genießen.

Ganz wichtig: sei geduldig mit dir. Dein Kopf hat die letzten Jahre damit verbracht, wie ein hyperaktiver Affe zwischen tausend Gedanken hin und herzuspringen. Da schafft er es nicht in einer Woche, sich plötzlich nur noch auf einen Baum zu konzentrieren. Hab Geduld. Mit dir. Und deinem Kopf. Ärgere dich nicht, wenn du wieder abgeschweift bist. Zu bemerken, dass man gerade nicht mehr achtsam war, ist schon eine ordentliche Leistung.

Frag mal deinen Kollegen, wann er das letzte Mal bemerkt hat, dass er unachtsam war. Wenn überhaupt, dann fällt es Leuten immer nur auf, weil was passiert ist. Den Autounfall hat man verursacht, weil man nicht achtsam und in Gedanken beim Job war. Das Glas hat man fallen lassen, weil der Kopf gerade schon bei der Einkaufsliste war. Und so weiter. Also – lass dich nicht entmutigen. Es wird besser werden.

Bücher, Apps und Links zu Achtsamkeit & Meditation

Sowohl für Achtsamkeit als auch für Meditation gilt: hol dir Hilfe! Es ist enorm schwer, sich selber an diese großen Aufgaben zu machen. Mit der Zeit wirst du merken, wie du immer weniger Unterstützung brauchst. Unabhängier wirst. Freier. Aber gerade für den Start rate ich zu Büchern, Apps und Co.

Bücher:
Achtsamkeitstraining von Jan Esswein
Das Buch, mit dem ich auch ins Thema eingestiegen bin. Eine tolle Einführung, guter Überblick, viele Übungen +CD

Gelassen wie ein Buddha: Meditationen und Achtsamkeitsübungen für 52 Wochen
Irgendwo hinstellen und jeden Woche neue Anregungen bekommen.

Gesund durch Meditation: Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR
DER Vater von Achtsamkeit & Co in der westlichen Welt – Jon Kabat-Zinn

Der kleine Alltagsbuddhist
Wie wir alle ein bisschen Buddhismus in unser Leben einbauen können.

Meditation für Skeptiker: Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst
Ja, Meditation verändert das Gehirn. Zum Guten!

Mit Buddha zu innerer Balance (mit Audio-CD): Wie Sie aus der Achterbahn der Gefühle aussteigen
Noch ein Buch mit CD. Mehr Gewicht auf Buddhismus, auch gute Übungen.

Mini-Meditationen
Kleines Buch, passt immer in die Handtasche. Wenn man zwischendrin mal eine Achtsamkeitsübung machen will. 

Apps:

Headspace
Grandiose App, die einen langsam an die Meditation heranführt. Die ersten Sitzungen sind kostenlos. ENGLISCH

7Mind
Das Gleiche auf Deutsch. Auch sehr gut, setzt aber auf mehr Eigeninitiative als Headspace.

Achtsamkeits-App
Ein Klassiker im App-Store.

GU-App Achtsamkeit und Meditation
Habe ich selber noch nicht ausprobiert, steht aber auf der Wunschliste. Ich mag GU einfach.

NatureSounds
Verschiedene Töne wie Feuer, Regen, Wasser und so können selber kombiniert werden. Schöner Hintergrundsound für jegliche Achtsamkeits- oder Meditationsübung.

Links:

achtsamleben.at
Seite rund um die Achtsamkeit. Woher sie kommt, was sie bewirkt und viele weiterführende Links und Tipps.

everyday-mindfulness.org (englisch)
Englischer Blog über Achtsamkeit, wie wir sie in unser Leben bringen können und was sie mit uns macht.

headspace.com (englisch)
Seite zur App. Viele Infos und toller Blog.


Für Achtsamkeit, Meditation und den Buddhismus gilt vielleicht noch viel mehr als für so manch anderes Thema auf meiner Seite, dass ich euch kein komplettes Bild vermitteln kann und will. Ich kann weder die Geschichte von Siddharta noch die buddhistische Lebensweise in ihrer Vollständigkeit hier widergeben.

Ich kann euch erzählen, wie es für mich ist, achtsam durch den Alltag zu gehen und täglich zu meditieren. Euch Anregungen und vielleicht sogar einen Schubs in die richtige Richtung geben. Euch weiterführende Literatur und Möglichkeiten der Information bereitstellen. Und ich kann euch gerne Fragen beantworten.

 

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