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Borderline goes München – und ich gehe mit

München und Borderline – bisher: Keine Selbsthilfegruppen, schlechte Versorgung, zu wenig Therapiemöglichkeiten und praktisch kein Austausch. Und nun gleich zwei Veranstaltungen in einer Woche. Daumen hoch dafür. Auch wenn die Abende nicht nur gut für mich waren.

Borderliner Münchens - wo seid ihr?

Borderline ist eine Lebensaufgabe! | weise Worte vom Oberarzt.

 

Hamburg ist das Paradies. Jedenfalls wenn man psychisch krank ist. So mein Eindruck. Während meinen drei Monaten in der Klinik dort hatte ich das Gefühl, egal welche Diagnose du hast, du kannst zwischen zig Selbsthilfegruppen, Anlaufstellen und Angeboten wählen.

Ganz anders: München. Als ich mir hier vor Ort eine Selbsthilfegruppe suchen wollte, bekam ich genau 0 Sucherergebnisse. Jedefalls für Betroffene. Eine Gruppe für Angehörige gibt es. Auch bei der Suche nach einer Skills-Gruppe wurde offensichtlich, dass es in meiner schönen Heimatstadt eine klare Unterversorgung gibt. Um so mehr habe ich mich nun gefreut, als ich erst einen einzelnen Vortrag zum Thema Borderline Personality Disorder, und dann auch noch eine ganze Veranstaltungsreihe gefunden habe, die sich dem Thema widmet.

Vortrag für Angehörige

Vom 8. bis 16. Oktober fand gerade die Münchner Woche für Seelische Gesundheit statt. Richtig viele Veranstaltungen rund um das Thema psychische Krankheiten und den Umgang damit. Eine super Sache! Dieses Jahr war der Schwerpunkt „Seelisch gesund (auf)wachsen“. Und die nächste dieser Wochen findet 2017 statt – alle zwei Jahre passiert das ganze.

Aber zum Thema: am Freitag den 16. fand im Rahmen dieser Woche auch ein Vortrag zu Borderline statt. Der Titel: Borderline – Was tun als Angehöriger. Das konnte und wollte ich mir nicht entgehen lassen. Arvid und meine Mutter waren auch dabei – als eigentliche Zielgruppe nur sinnvoll. Ich muss sagen, für mich war nicht viel neues dabei – aber ich bin ja auch mittlerweile Experte beim Thema. Insgesamt hätte der Vortrag gerne länger sein dürfen. Denn durch sehr unterschiedliche Wissenstände bei den Teilnehmern musste der Dozent Herr Schneeweiß ganz von vorne anfangen. Und wenige Worte reichen nun mal leider nicht, um das komplexe Thema Borderline zu erläutern.

Als es dann schließlich auch für mich interessant wurde, blieb kaum noch Zeit. Wie soll man denn nun als Angehöriger mit den Betroffenen umgehen? Wie kann man sich selber schützen? Handfeste Tipps für den Alltag – diese Dinge wurden leider nur noch sehr kurz angesprochen.

Ich gehöre nicht dazu!

Und trotzdem muss ich sagen, dass der Abend mir auf jeden Fall etwas gebracht hat. Zum einen war es wirklich gut zu sehen, dass sich in München etwas bewegt. Denn dass es auch hier, mitten in der schönen bayrischen Landeshauptstadt viele Betroffene gibt, daran habe ich nie gezweifelt. Und mit Betroffene meine ich in diesem Fall auch indirekt Betroffene. Also Angehörige, Bekannte, Familien, Partner und Freunde von Menschen mit Borderline Persönlichkeitsstörung.

Sehr wiedergefunden habe ich mich in seinen Ausführungen darüber, dass viele Borderliner beschreiben, sich noch nie in ihrem Leben irgendwo richtig dazugehörig gefühlt zu haben. Als er das gesagt hat fühlte es sich an, als würde er über mein Leben sprechen. Schon immer, seit meiner frühestens Kindheit waren da immer so Gedanken wie „Die sind alle anders als ich. Irgendwie passe ich hier nicht hin.“

Nie hatte ich das Gefühl, ich bin wirklich Teil der Gruppe. Egal ob Familie, Schule, Uni, Arbeit oder auch bei meiner Band. Immer gab und gibt es eine Art Mauer zwischen mir und dem Rest. Die sich von keiner Macht der Welt durchbrechen lässt. Seit dem Vortrag ist mir erst richtig bewusst geworden, wie sehr sich dieses Gefühl durch mein gesamtes Leben zieht. Es fällt mir wahnsinnig schwer bzw. ist eigentlich unmöglich, mich irgendwo wirklich zugehörig, willkommen und aufgenommen zu fühlen. Und mal wieder tat es gut zu hören und zu lernen, dass ich damit nicht alleine bin.

Auch freute mich zu hören, wie sehr Herr Schneeweiß betonte, dass man eben auch Borderliner ist, aber nicht nur. Dazu hat er einen Vergleich von Borderline und Diabetes gemacht, den ich ziemlich gut fand. Wenn man Diabetes habe, dann verstecke man das erstens nicht sondern gehe eigentlich ohne Bedenken offen damit um. Und man selber und das Umfeld ist sich darüber im Klaren, dass man mit dieser Krankheit bei gewissen Dingen einfach aufpassen muss. Im Alltag gibt es Situationen, in denen man darauf Rücksicht nehmen und das Verhalten anpassen sollte – sonst geht es schief. Und genau so ist es mit Borderline. Es geht eigentlich alles, nur in manchen Dingen lohnt sich eine extra Portion Rück-, Um- und Vorsicht.

Borderline Trialog, die Erste

Auch wenn der Vortrag nicht perfekt war, einen riesigen Nutzen hatte er in jeden Fall: denn durch den Dozenten habe ich erfahren, dass München seit dem Frühjahr diesen Jahres einen eigenen Borderline-Trialog hat. Trialog bedeutet, dass Betroffene, Angehörige und Profis sich zum Austausch treffen. Und Profis bedeutet in diesem Zusammenhang Menschen, die durch ihren Beruf mit dem Thema Borderline konfrontiert sind. In welcher Weise auch immer – Mediziner, Therapeuten, Sozialarbeiter. Das Konzept war mir bereits aus Hamburg bekannt, wo ich bei drei dieser Veranstaltungen anwesend war und Freundin der Idee geworden bin.

Für mich war es am Dienstag dieser Woche also Premiere, für die Veranstalter bereits der fünfte Termin. Und es war gut besucht. Wir waren etwa 50 Teilnehmer. Nun, für eine Millionenstadt wie München vielleicht noch ausbaufähig, aber ok. Der Abend stand unter dem Motto Wie offen kann ich mit Borderline umgehen? Der Umgang mit den Konsequenzen der Offenheit. Der eigentliche Austausch fand in drei Kleingruppen statt.

Ich möchte und werde nun nicht im Detail verraten, worüber gesprochen wurde. Konklusion für mich war in jedem Fall: es liegt noch ein riesiger Berg an Arbeit vor mir. Und in die Bezwingung dieses Berges stecke ich gerne jede Menge Zeit und Energie. Denn einiges, was ich beim Trialog gehört habe, hat mich schockiert, traurig und auch wütend gemacht. Und sorgt damit für neuen Antrieb.

Neuer Antrieb durch alte Geschichten

Solange Betroffene nach einer Selbstverletzung in der Notaufnahme mit Worten wie „Ach, sie haben Borderline? Na, dann brauchen sie ja keine Betäubung. Sie haben ja kein Problem mit Schmerzen.“ und schlimmeren Kommentaren versorgt werden;

So lange selbst Psychologiestudentinnen sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können, bei potentiellen Arbeitgebern mit ihrer Diagnose offen umzugehen;

So lange das Bild von Borderline in der Öffentlichkeit so negativ gefärbt, so vorurteilsbehaftet und in vielen Fällen auch schlicht falsch ist:

So lange Betroffene Angst haben müssen vor den Reaktionen ihrer Umwelt, vor Ausgrenzung, Zurückweisung und Verachtung;

So lange ein Großteil der Betroffenen jeden Tag aufs Neue ein Versteckspiel durchmacht und mit allen Kräften eine Fassade aufrechterhält, die einen großen Teil ihrer Persönlichkeit einfach außen vor lässt;

So lange das Leben für uns Betroffene in vielen Fällen durch die Umwelt noch schwerer gemacht wird, als es sowieso schon ist – möchte ich weitermachen.

Mit der Aufklärung. Mit dem Sprechen über die Borderline Persönlichkeitsstörung. Mit dem Vorbild-Sein für andere Betroffene. Mit der Unterstützung aller Parteien.

Lange genug habe ich auch genau diese Dinge gemacht. Als ich noch nicht offen mit meiner Diagnose umgegangen bin – bzw. einfach noch nicht wusste, dass ich sie habe. Meine Therapeutin hat diverse Male gesagt „Sie stecken so viel Kraft in die Arbeit, heil zu wirken, ein falsches Bild abzugeben, Dinge zu verstecken – wenn dieses unglaublich anstrengende Leben eines Tages vorbei ist – sie werden so viel Energie, so viele Ressourcen frei haben. Für andere Dinge. Was werden sie dann nur damit machen?“ – Nun, die Kraft und die Energie ist nun da, und ich stecke sie dort hin, wo ich weiß, dass sie gut aufgehoben ist: das anstrengende Leben von anderen Betroffenen leichter zu machen.

Ist jetzt ein kleines Manifest geworden hier – dann wollte es das wohl werden.

Erinnerungen kämpfen sich durch

Zum guten Schluss muss und will ich euch nicht verheimlichen, dass mir der Abend beim Trialog sehr nah gegangen ist. Und mich in eine etwas gefährliche Stimmung gebracht hat. Es wurde viel über selbstverletzendes Verhalten gesprochen. Ich habe Betroffene erlebt, die auf ihrem Weg der Genesung noch ganz am Anfang stehen bzw. noch nicht so weit fortgeschritten sind wie ich. Und das hat mich mal wieder daran erinnert, durch welche Höllen ich schon gegangen bin.

Dass es mir gerade so geht soll aber nicht heißen, dass ich den Trialog als negativ empfunden habe. Ich schaffe es einfach sehr oft, die ganze Borderline-Thematik rein dem Kopf zu überlassen. Die Emotionen werden ausgesperrt und die Rationalität genießt die sturmfreie Bude. Und nach solchen Erlebnissen wie beim Trialog öffnet sich die Tür dann. Die Emotionen schleichen sich durch und erinnern mich an die unschöneren Zeiten. Den Schmerz, die Trauer, die Verzweiflung – alles kommt hoch. Früher habe ich mit Hilfe von eher schädlichen Verhaltensweisen diese Gesellen wieder rausgekämpft. Genau das will, sollte und möchte ich aber nicht mehr. Die neuen Rausschmeißer-Taktiken gibt es zwar, aber sie funktionieren eben noch nicht so gut. Daran arbeite ich noch.

Gerade kämpfe ich ein wenig zwischen Stark sein für die anderen und ich ergebe mich vor den Bildern, Emotionen und Erinnerungen, die in mir hochkommen. Drückt mir die Daumen, dass ich da heil rauskomme. Habe auf jeden Fall heute das erste Mal seit langem wieder so richtig schön geskillt. Zu dem Thema gibt es auch bald mehr.

 

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